Demenz betrifft Tausende, auch im Eichsfeld

Eichsfeld. Nachbarin S. war früher sportlich, kulturbegeistert und gesellig. Seit einigen Jahren leidet die 74-Jährige an Demenz, ist vergesslich, manchmal geistig verwirrt und reagiert oft mürrisch.

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Ihr Mann kümmert sich aufopfernd um sie. Ganz Deutschland überaltert allmählich, die Zahl der Menschen mit der Alterskrankheit Demenz wird rasant steigen. Wer soll sie pflegen? Rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz leben derzeit in Deutschland. Bis 2025 dürften sich in einigen Regionen die Werte bereits verdoppelt haben, schätzen die Forscher. Für den Kreis Eichsfeld wird eine Zunahme um 52 Prozent prognostiziert. Viele Familien sind von der kräftezehrenden Aufgabe der Pflege demenzkranker Angehöriger überfordert, Privatpflegerinnen sind teuer, angemessene Heimplätze rar. Zumal vielen Pflegeheimen häufig das Know-how im Umgang mit den Dementen fehlt, obwohl sie einen immer größeren Anteil ihrer Patienten ausmachen. Die Heime stehen unter enormem Kostendruck, die schlecht bezahlten Pflegekräfte unter permanentem Zeitdruck. Verwirrte Alte, die sich wie Kleinkinder benehmen, überfordern das System. Fixierte, eingesperrte und mit Psychopharmaka ruhig gestellte Patienten sind die Regel in den Heimen, nicht die Ausnahme, so das Ergebnis einer Doktorarbeit an der Uni Regensburg.

Die Überalterung der Gesellschaft nimmt stetig zu, gleichzeitig steigt ab 65 Jahren die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, steil an. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung nennt Zahlen und erörtert im veröffentlichten Demenz-Report die Frage, wie mit der Alterung der Gesellschaft umzugehen ist. Umgerechnet 1501 Demenz-Kranke je 100.000 Einwohner gab es im Landkreis Eichsfeld im Jahr 2008 - in absoluten Zahlen, basierend auf der damaligen Einwohnerzahl, entspricht das 1605 Erkrankten. Nach dem Prognoseszenario der Forscher soll der Wert bis zum Jahr 2025, unter Berücksichtigung der sich verändernden Bevölkerungsstruktur, um rund 52 Prozent zunehmen - das wären dann 2440 Betroffene. Die Kommunen stehen vor großen Herausforderungen. Bis 2025 werde sich vielerorts, vor allem in den östlichen Regionen Deutschlands, die Zahl der Menschen mit Demenz verdoppelt haben, warnen die Berliner Forscher. "Zu diesem Zeitpunkt erreichen die starken Jahrgänge der ‚Babyboomer‘ das Rentenalter. Die nachfolgenden Generationen fallen kleiner aus. Daraus ergibt sich eine Lücke, die zu füllen eine gesellschaftliche und politische Aufgabe ist."

Demenz ist ein normaler Teil des Alterns, doch wie geht man im Alltag mit Demenzkranken würdig um? Statt auf den Bau neuer Pflegeheime setzen die Experten auf neue Betreuungsmodelle. Beispielsweise wie im Vorzeige-Demenzdorf De Hogeweyk in den Niederlanden, das zugleich Vorbild für das erste deutsche Demenzdorf ist, das im Frühjahr 2015 im rheinland-pfälzischen Alzey eröffnen soll. Immer häufiger gibt es auch Wohngemeinschaften für Demenzkranke: Die Betroffenen werden rund um die Uhr von ambulanten Pflegekräften betreut, die Familienangehörigen helfen in Alltagsdingen mit.

Hartmut Kaczmarek kommentiert: Tabuthema Demenz

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