Corona-Forschung: Jenaer Wissenschaftler widerspricht Drosten

Erfurt/Jena.  Wer einmal Covid-19 hatte, ist immun, sagt der Berliner Labormediziner Christian Drosten. Der Jenaer Infektiologe Mathias Pletz widerspricht und warnt vor voreiligen Gewissheiten.

Infektiologe  Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Uniklinik Jena.

Infektiologe Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Uniklinik Jena.

Foto: Sascha Fromm

Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene an der Uniklinik in Jena, warnt vor übereilten Gewissheiten in der Diskussion um Corona. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

„Wir wissen längst noch nicht alles über das Virus und wie der menschliche Körper sich damit auseinandersetzt. Das gilt für Fragen nach der Übertragung durch Schmierinfektionen oder Aerosole ebenso wie für die nach der Immunität oder der Rolle der Antikörper“, sagt Pletz im Gespräch mit dieser Zeitung.

Vorausgegangen waren Äußerungen des Berliner Labormediziners Christian Drosten zur Immunität. In seinem ersten Podcast nach der Sommerpause beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) sagte Drosten, er sei sich sicher, dass alle Personen, die bereits eine Infektion durchgemacht hätten, mindestens für den Verlauf dieser Pandemie immun seien.

Der Berliner wörtlich: „Es ist für den Patienten praktisch dasselbe, ob er noch nachweisbare Antikörper im Blut hat, oder ob der Labortest sie im Moment nicht nachweisen kann. Sobald der Patient wieder Kontakt mit dem Virus hat, springt das Immungedächtnis sofort wieder an und es ist sofort der Antikörper wieder da, schneller, als das Virus sich überhaupt verbreiten kann.“ Weggewischt werden damit auch Bedenken, die ein Jenaer Wissenschaftlerteam um Mathias Pletz im Rahmen der Neustadt-Studie zu Corona-Infektionen äußerte.

Untersuchungen im Rahmen der Neustadt-Studie laufen derzeit

Beim Test auf Antikörper hatte sich gezeigt, dass die Hälfte der Infizierten, bei denen das Virus sechs Wochen vorher nachgewiesen worden war, keine Antikörpertiter (Titer: Menge bestimmter Antikörper im Blut) aufwiesen, obwohl mit sechs verschiedenen Tests danach gesucht worden war. „Wir wissen bislang weder mit Gewissheit, ob die fehlende Bildung von Antikörpern nach einer Covid-Infektion mit dem Fehlen einer Immunität gleichgesetzt werden kann oder ob es die Immunität dennoch gibt.

Anders herum betrachtet kann man selbst bei einem negativen Antikörpertest nicht wirklich ausschließen, dass es vorher eine Covid-Infektion gab“, sagt Mathias Pletz. Diese Fragen würden international gerade heiß von vielen Seiten diskutiert und sollten nicht um schneller Antworten willen aus dem Bauch heraus beantwortet werden, so der Infektiologe. Untersuchungen im Rahmen der Neustadt-Studie zur Funktion der Abwehrzellen für das von Drosten apostrophierte Immungedächtnis laufen in Jena noch.

Unterschiedlich ist auch die Auffassung zu Zweitinfektionen. Aktuell berichtete Fälle bezeichnete Christian Drosten in seinem Podcast als absolute Einzelfälle und „Aufmerksamkeitsheischerei“.

Mathias Pletz geht das aber zu weit. Er verweist auf frühere Tests, sogenannte Human Challenge Studies, bei denen Freiwillige wiederholt im Abstand von einem Jahr mit anderen endemischen Corona-Viren infizierte wurden und einige Testpersonen, wenn auch nicht alle, tatsächlich erneut eine Infektion bekamen. In der Regel verlaufe diese aber milder.

„Auch von der Grippe wissen wir, dass die Immunität nicht lange anhält. Ein wenig Abwehr bleibt aber immer zurück. Auf Covid-19 übertragen, könnte es so sein, dass man, auch wenn die Antikörper wieder weg sind, einen gewissen Schutz behält und eine zweite Infektion milder verläuft. Weshalb viele dieser wiederholten Infektionen unter dem Radar bleiben. Das ist aber nur meine persönliche Einschätzung. Es genau zu wissen, ist etwas anderes“, sagte Pletz.

Von Erfahrungen in China und Italien profitiert

Somit bleibe auch das Risiko bestehen, dass bei einigen eine Zweitinfektion deutlich schwerer abläuft. Generell werde es nie so sein, dass alle immun sind, ebensowenig bekämen alle eine Zweitinfektion. Das es ein „So ist es“ eben nicht gibt, mache es auch für politische Entscheidungsträger schwer.

Zur Diskussion darüber, ob zu Corona zu viele, letztlich unbegründete Ängste geschürt werden, sagte Pletz, die Wahrheit liege vermutlich in der Mitte. „Polarisieren verschafft zwar Aufmerksamkeit und Pseudosicherheit, weil man glaubt, man habe es jetzt verstanden. Das deckt sich in meiner Wahrnehmung aber nicht mit der Realität“, so der Jenaer Institutschef. In Deutschland sei die Pandemie bisher günstig verlaufen, weil der Lockdown zur rechten Zeit kam, vor allem für Thüringen und Ostdeutschland.

„Die Sterblichkeit bei uns ist auch so gering, weil wir bereits von den Erfahrungen in China und Italien profitiert haben. So haben wir gelernt, dass Covid-19 keine reine Entzündung der Lunge, sondern eine Entzündung der Blutgefäße insgesamt ist. Das führt zu Gefäßverschlüssen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Darminfarkt. Als Covid-19 zu uns kam, wussten wir schon, dass dagegen nicht in erster Linie Beatmung, sondern Blutverdünnung hilft -- das hat vermutlich vielen Patienten das Leben gerettet“, erklärt Mathias Pletz.

Für Strategien mehr Beteiligte hören

Ungeachtet der Frage, ob und wie schwer eine zweite Welle kommen wird, müsse man weiter aufpassen, sagt der Infektiologe. Unbestritten bleibe nämlich, dass sich das Virus extrem gut ausbreiten, die Gesellschaft sich aber einen zweiten Lockdown nicht leisten kann. Er wünsche sich allerdings, dass in die Bekämpfung von Corona noch mehr unterschiedlichste Expertise und Erfahrung einfließt. In Task Forces und Corona-Beiräten säßen vielfach Virologen, Juristen oder Politiker.

Um aber über Strategien in Krankenhäusern, Schulen oder Kindergärten zu sprechen, sollten auch unmittelbar mit Patienten arbeitende Kliniker und Kinderärzte sowie Lehrer, Erzieher und Elternvertreter gehört werden.

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