Ausländische Ärzte in Schleiz: Irgendwann zurück nach Armenien

Schleiz  Im Kreiskrankenhaus Schleiz stammen 17 der 29 Ärzte aus dem Ausland. Welche Beweggründe führten sie in die ostthüringische Kleinstadt und was sind ihre Aufgaben in der ­­­120-Betten-Klinik? Arusyak Sargsyan und ihr Mann Mkrtich Muradyan stammen aus Armenien und sind Ärzte auf den Stationen Innere Medizin 2 beziehungsweise Chirurgie.

Arusyak Sargsyan und ihr Mann Mkrtich Muradyan stammen aus Armenien und befinden sich in der Facharztweiterbildung auf den Stationen Innere Medizin 2 beziehungsweise Chirurgie im Kreiskrankenhaus Schleiz. Foto: Peter Cissek

Foto: zgt

„Anfrage an Radio Jerewan: Stimmt es, dass Iwan Iwanowitsch in der Lotterie ein rotes Auto gewonnen hat? Antwort: Im Prinzip ja. Aber es war nicht Iwan Iwanowitsch, sondern Pjotr Petrowitsch. Und es war kein rotes Auto, sondern ein blaues Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden. Alles andere stimmt.“ Mit Radio-Jere­wan-Witzen wie diesem, die ­ohne direkten politischen Bezug die Unsinnigkeit der staatlichen Agitation einst in der Sowjetunion anprangern, werden Arusyak Sargsyan (33) und ihr Mann Mkrtich Muradyan (42) gelegentlich von Patienten begrüßt, die in der DDR aufgewachsen sind und am Krankenbett erfahren, woher ihr behandelnder Arzt stammt.

Es waren nicht politische Gründe, die das Ehepaar aus der armenischen Hauptstadt letztlich ins ostthüringische Kreisstädtchen Schleiz führten, sondern die unbefriedigende Situation für manche junge Mediziner in diesem Binnenstaat des Kaukasus. „In Armenien sind viele Menschen nicht krankenversichert. Weil sie die Behandlungen selbst bezahlen müssen, gehen sie nur äußerst selten zum Arzt oder ins Krankenhaus“, erklärt Mkrtich Muradyan. Weil es somit zu wenig Fälle für die vielen Ärzte gab, mangelte es auch an Weiterbildungsmöglichkeiten, Aufstiegschancen und folglich guter Bezahlung.

Dabei hatten sie sich an den Kliniken in Jerewan bereits hochgearbeitet. Mkrtich Muradyan hat 1996 sein sechs Jahre dauerndes Studium zum Allgemeinmediziner an der Universität in der armenischen Hauptstadt mit Diplom abgeschlossen.

In den nächsten zwei Jahren hat er sich an einem wissenschaftlichen Zentrum in Moskau zum Facharzt für Chirurgie weitergebildet, bevor er dann den zweijährigen Wehrdienst in der armenischen Armee antrat. Diesen habe er dann freiwillig um drei Jahre verlängert, weil er als Chirurg im Militärkrankenhaus aktiv operieren durfte und gutes Geld erhielt. Ab 2004 war Muradyan in einem Spezialkrankenhaus in Jerewan für Notfall-, Wiederherstellungs-, Hand- und plastische Chirurgie zuständig.

Seine heutige Frau Arusyak Sargsyan studierte von 1999 bis 2005 ebenfalls an der Universität in Jerewan Medizin. Ihr anschließendes Weiterbildungsstudium schloss sie mit dem Diplom als Fachärztin für Kardiologie ab. Kennengelernt hat sich das Paar im Jahr 2007, als sich Arusyak Sargsyan wegen Atmungsproblemen an der Nase operieren ließ. Mkrtich Muradyan hat sie nicht nur operiert, sondern sich auch in seine Patientin verliebt. „Der Charakter eines Menschen wird nirgendwo besser ersichtlich als beim Aufwachen aus der Narkose. Es gibt Menschen, die in diesem Zustand aggressiv sind. Meine heutige Frau hat ganz ruhig geschaut. Das hat mir gefallen“, erklärt Mkrtich Muradyan. Arusyak Sargsyan hat sich gewundert, dass sie in der Folgezeit von ­Muradyan und seinen Krankenschwestern mehrfach telefonische Aufforderungen zur Nachkontrolle erhalten hat. „Aufgrund der vielen Dienste gab es jenseits des Krankenhauses nicht so viel Gelegenheiten für mich, die Frau des Lebens kennenzulernen. Dafür hatte und habe ich das Privileg, mir Menschen vor, während und nach der Operation genauer anzuschauen“, erklärt der Chirurg. Im Jahr darauf hat Arusyak Sargsyan ihren Mkrtich Muradyan geheiratet und Sohn Tigran, benannt nach einem armenischen Herrscher gut 500 Jahre vor Christi, zur Welt gebracht.

Nach der einjährigen Elternzeit tat sich für Arusyak Sargsyan eine neue berufliche Perspektive auf. Hakob Hovakimyan, ein bekannter US-amerikanischer Herzchirurg armenischer Abstammung, ließ nahe Jerewan das Nork-Marasch-Medizin­zentrum errichten. Dort will er nicht nur Bedürftigen mit schweren Herzproblemen helfen, sondern auch an der dortigen Herzschule junge Mediziner ausbilden. Nach ihrer Probearbeit erhielt Arusyak Sargsyan, die im Jahr 2011 Tochter Ani zur Welt brachte, eine der ersten acht Stellen für die Weiterbildung und ab 2012 auch die Möglichkeit, als Fachärztin im Herzzen­trum zu arbeiten.

Doch ihr Mann war sehr unzufrieden mit seiner beruflichen Situation. „Ich hatte damals gehört, dass es anders als in Armenien in Deutschland komischerweise einen Ärztemangel gibt“, erklärt er, weshalb er sich damals an eine Vermittlungsagentur wandte. Zeitgleich absolvierte er einen Deutschkurs, den er mit der B-Prüfung im Sprachlernzentrum Jerewan abschloss. Im Sommer 2012 zog der Familienvater erst allein nach Bad Kösen um, wo Muradyan am Saale-Reha-Klinikum arbeitete und seine Deutschkenntnisse ausbaute. Ein Jahr später zog er nach Schleiz um, weil er in der Chirurgie des Kreiskrankenhauses eine Stelle bekam. In der Zwischenzeit kam seine Familie nach. Im Februar 2014 konnte Arusyak Sargsyan, die einen B1-Deutschkurs bei der Volkshochschule und einen Patientenkommunikationskurs in Jena erfolgreich abschloss, ihre Arbeit auf der Station Innere Medizin 2 aufnehmen. Von der zweijährigen Facharztausbildung in Armenien wird in der Bundesrepublik nur ein Jahr anerkannt. Da die Facharztweiterbildung in Deutschland sechs Jahre dauert, hat das Ehepaar fünf Jahre nachzuholen.

„Das Leben in Schleiz ist im Vergleich zu einer Hauptstadt sehr ruhig. Statt der Kulturangebote genießen wir hier die Natur. Ich spiele zudem gern Volleyball und fahre viel Fahrrad“, erzählt Mkrtich Muradyan.

Jeder der beiden Assistenzärzte übernimmt auf seiner Station monatlich fünf bis sieben 24-Stunden-Dienste. „An 15 Tagen im Monat sehen wir uns nicht, denn wir wollen unsere Kinder nicht allein lassen. Unser Sohn geht in die 2. Klasse, unsere Tochter in den Kindergarten“, erzählt die Mutter. Obwohl die Kinder bestens Deutsch sprechen, unterhält sich die Familie daheim auf Armenisch. Die Klavier spielenden Eltern wollen, dass Tochter und Sohn ihre Muttersprache nicht verlernen. Denn alle Verwandten, mit denen sie täglich via Skype telefonieren, leben in Armenien. In den Sommerferien fliegen die Kinder für sechs Wochen zu den Großeltern, je nach Dienstplan kommt mindestens ein Elternteil für zwei Wochen nach.

„Wir haben eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Hier wollen wir Weiterbildungen absolvieren und neue Technologien kennenlernen, aber vor allem unseren Kindern eine ordentliche Ausbildung ermöglichen. Sollten wir hier nicht zu starke Wurzeln schlagen, dann wollen wir perspektivisch nach Armenien zurück. Denn Heimat ist Heimat“, sagt Mkrtich Muradyan.

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