Bundeskanzlerin erhält letzte frische Blume von Greizer Floristin

Marius Koity
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Brückenstraße in Greiz: Melanie Neudeck erzählte Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie es in der Brücken-Apotheke aussieht, und Bürgermeister Gerd Grüner zeigte an einem Container, welche Schäden entstanden sind. Foto: Marius Koity

Brückenstraße in Greiz: Melanie Neudeck erzählte Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie es in der Brücken-Apotheke aussieht, und Bürgermeister Gerd Grüner zeigte an einem Container, welche Schäden entstanden sind. Foto: Marius Koity

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In der Greizer Brückenstraße sind Gewerbetreibende sauer, dass sie nicht eher über die drohende Flut informiert wurden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat "unbürokratische Hilfe" versprochen.

Greiz. "Es ist unsere Existenz", sagt Annelie Jäkel. "Wir leben davon. Oder haben es bis jetzt gemacht." Wann sie ihre Buchhandlung in der Brückenstraße in Greiz wieder eröffnen kann, weiß sie nicht. Unzählige Bücher sind jedenfalls nicht mehr zu verkaufen. Waren von A wie Ansichtskarten bis Z wie Zeitschriften sind ebenfalls buchstäblich im Eimer. Ehemann Manfred Jäkel leert das Elsterwasser aus den Schubfächern und ärgert sich: "Unser Schaden wäre geringer gewesen, wenn wir rechtzeitig gewarnt worden wären", sagt er. "Warum hat uns keiner was gesagt?", fragt er.

Stinksauer ist auch Personalagentur-Inhaber Thomas Steudel. "Hätte einer einen Ton gesagt, dann hätten wir hier nicht so eine Katastrophe", sagt er in seinem Geschäft. "Warum gibt es bei uns nicht so einen Hoch­wasser-Warnung per SMS wie in in Grimma?", lautet seine Frage. Wie auch andere Gewerbe­treibende und Grundstückseigentümer in der Brücken­straße geht er von einem hohen fünfstelligen, wenn nicht gar sechsstelligen Sachschaden aus. "Zum Glück habe ich noch eine alte Hochwasser-Versicherung", sagte der ähnlich betroffene Zahnarzt Mathias Stirkat.

Im Januar erst eröffnet, kann auch Carina Geißler mit ihrer Wäsche-Boutique von vorn anfangen. Von "Totalschaden" ist die Rede, zu dem es wohl nicht gekommen wäre, wenn man rechtzeitig über das nahende Unheil informiert worden wäre.

Am schlimmsten hat es mög­licherweise die Brücken-Apotheke getroffen. Im Keller des Hauses hatte Torsten Müller seine Parenteralia-Herstellung, ein Kühlhaus mit entsprechender Ware, Vorräte und die vollautomatische Kommissionierung - durch das Hoch­wasser habe er einen "mittleren sechs­stelligen Schaden" erlitten, schätzte am Dienstag der Apotheker ein. Elf Mitarbeiter hat er und hofft, sie alle behalten zu können.

Eine davon ist Melanie Neudeck, die Dienstagnachmittag unter den Greizer Hochwasser-Betroffenen war, die unverhofft zu einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kamen. "Sie hat sich interessiert, wie das bei uns aussieht, und ich habe es ihr gesagt", fasste Neudeck emotionslos die Minuten zusammen, die von unzähligen Fotografen und Fernseh­kameras festgehalten wurden.

Beate Rödel hatte der Bundesregierungschefin eine Sonnenblume gereicht. "Es war die letzte frische Blume, die wir noch hatten", sagte die Floristin, die ihren "Totalschaden" mit etwa 50"000 Euro bezifferte. "Frau Merkel hat uns Greizern unbürokratische Hilfe versprochen -­ ihr Wort gilt eigentlich etwas", sagte Rödel hoffnungsvoll.

Mit großer Geduld ließ sich Merkel von Bürgermeister Gerd Grüner (SPD) unter anderem durch die Brücken- und die Bruno-Bergner-Straße führen. Gewerbe­treibenden sprach die Bundeskanzlerin Mut zu, Einsatzkräften ihren Dank aus. 45 Minuten hatte das Protokoll für Greiz vor­gesehen, anderthalb Stunden dauerte letztlich die Visite. Von dieser waren nicht nur offensichtliche Fans der Bundeskanzlerin begeistert. "Geil! Die Merkel live!", schrie ein Teenie, um sofort mit der Handy-Ka­mera den Tross ein­zufangen, in dem auch Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) und Landrätin Martina Schweinsburg (CDU) mitliefen.

Letztere hatte die Bundeskanzlerin auf dem Hof des Landratsamtes willkommen ge­heißen und in den Katastrophenschutzstab geführt. Dort kam Schweinsburg mit einigen ihrer Ausführungen so resolut rüber, das Merkel den Landkreis Greiz für seine "robuste Land­rätin" beglückwünschte.

Im Landkreis ist durch das Hochwasser ein Schaden in Höhe von mindestens 15 Millionen Euro entstanden, gab Schweinsburg den beiden Regierungs­chefinnen mit auf den Heimflug. Auch sie hat gehört, wie "un­bürokratische Hilfe" ver­sprochen wurde.Kommentar

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