Kaisers Rennsteig: Patrone Alex rettet die Ehre der Gastronomie

Matthias Kaiser testet Restaurants entlang des Rennsteigs. Heute: das „maReile“ in Rodacherbrunn und die Trattoria und Pizzeria „La Famiglia“ in Wurzbach.

Familiärer Erfahrungsaustausch: Restauranttester Matthias Kaiser (Mitte) mit Gastwirt Alexander Farinato und dessen Sohn Luca.

Familiärer Erfahrungsaustausch: Restauranttester Matthias Kaiser (Mitte) mit Gastwirt Alexander Farinato und dessen Sohn Luca.

Foto: Matthias Kaiser

Wissen Sie eigentlich, wer erstmalig mit dem Slogan „Thüringen – das grüne Herz Deutschlands“ für unseren Freistaat warb? „Findige Nachwende-Touristiker“, werden einige sofort antworten. Doch das ist falsch.

Sie bedienten sich nur aus dem Schaffen des heimatverliebten August Trinius, einem Wander- und Heimatschriftsteller, der 1851 als Carl Freiherr von Küster in Schkeuditz geboren wurde und 1919 in Waltershausen starb. Trinius war einer, der von der Liebe zu Thüringen und speziell zum Thüringer Wald derart erfüllt war, dass er in mehr als dreißig Werken das Hohelied auf seine Wahlheimat sang. Besonders mit seinem 1890 erschienenen Buch „Der Rennstieg [tatsächlich mit „ie“ – Anm. d. Red.] des Thüringer Waldes“ löste er in der Hochblüte des Kaiserreichs einen wahren Ansturm des wilhelminischen Bildungsbürgertums auf den Rennsteig aus.

Ein Menschenskind, das es Trinius besonders angetan hatte, war die reizende Maria Sauer, eine in Bayern geborene Försterstochter. Schon bald, nachdem der bajuwarische Förster mit seinem Töchterchen – das von Kind an Mareile gerufen wurde – ins dortige Forsthaus eingezogen war, lockte der neckische Liebreiz der üppigen Blondine eine glühende Verehrerschar in das „Waidmannsheil“. Dort lauschten sie dem Zitherspiel und – so ist es jedenfalls wörtlich überliefert – der „allerliebst zwitschernden Jungfrau“.

„Das Mareile“ war plötzlich in aller Munde und es entwickelte sich ein wahrer Kult, der darin gipfelte, dass die Rennsteigwanderer fortan das wegweisende weiße „R“ der Rennsteigmarkierung „Mareile“ tauften.

Nicht verwunderlich ist also, dass eine vier Jahre nach der Wende aufgestellte Holzhütte, in der Erfrischungen und Wegzehrung für Wanderer angeboten werden, „maReile am Rennsteig“ getauft wurde. Sie war unser nächstes Ziel, in das wir aus Schlegel kommend auf halben Weg nach Brennersgrün für eine kurze Rast einkehrten.

Das kleine Wirtshaus wird seit seiner Eröffnung von Hüttenwirtin Ilona Taudt bewirtschaftet. Als wir dort ankamen, waren wir die einzigen Gäste. Auf diese Gästeflaute angesprochen, beklagte die Wirtin die jährlich sinkenden Besucherzahlen. Dabei wirkte sie auffallend emotionslos. Als sie unser Erstaunen darüber bemerkte, wanderten ihre Augen wortlos zu einem kleinen Zettel: Hütte zu verkaufen. Darunter eine Handynummer. „Wirklich verkaufen?“, fragte mein Tester Christian.

Fast widerwillig begann die erfahrene Wirtin darüber zu klagen, dass die schleppenden Geschäfte einerseits dem mangelnden Interesse am östlichen Rennsteig, hauptsächlich aber den veränderten Ernährungsgewohnheiten der Wanderkundschaft geschuldet seien. Ich forschte vorsichtig, weiter : „Und wie haben Sie auf die veränderten Gewohnheiten ihrer Gäste reagiert?“

Ein Blick in die Speisekarte verrät, dass die trotz aller Resignation immer noch von der Gastlichkeit beseelte Wirtin das gleiche klassische Imbisssortiment vorhält, wie vor zwölf Jahren. Sie kredenzt ihren Gästen die gängigen Kaffee- und Teevarianten, Biere, alkoholfreie Getränke und eine Weinschorle in den Varianten süß oder sauer. Sülze, Schinkenteller, Schnitzel mit Brot und handgemachtem Kartoffelsalat, gebackenen Camembert, Apfel- und Rührkuchen, einige Eissorten und ein Paar fränkische Bauernwürstchen – sozusagen als Adaption des kleinsten Deutschen Viergänge-Menüs: Bockwurst, Brötchen, Senf und Tageszeitung (die man bei Ilona Taudt tatsächlich lesen kann). Die schmecken noch immer so herzhaft und rund, wie vor zwölf Jahren.

Wenn ich da nur nicht diesen Kaffee dazu getrunken hätte!

Bevor wir das „maReile“ verließen, wünschten wir Frau Taudt Erfolg bei der Suche nach einem Nachfolger, ahnten aber, dass wir beim nächsten Besuch entweder erneut auf die Wirtin – was nicht die schlechteste Alternative wäre – oder schlimmstenfalls auf ein Geschlossen-Schild treffen werden.

Unser Weg führte uns nun weiter nach Wurzbach zur „Trattoria & Pizzeria La Famiglia“, die uns erneut zuerst einmal etwas ernüchterte, denn „La Famiglia“ hat entgegen dem Versprechen im Namen keine allzu familienfreundlichen Öffnungszeiten. Das Ristorante öffnet nämlich erst um 18 Uhr – und das auch nur von Donnerstag bis Montag.

Das verdross uns erst mal, denn wir standen an einem frühen Samstagmittag und mit inzwischen kräftigem Appetit vor der italienischen Einkehr.

Mit knurrendem Magen klingelten wir mit wenig Hoffnung, dass uns aufgetan werde, an der Haustür. Vordergründig natürlich nicht um einzukehren, sondern um unseren Frust abzulassen. Kaum geklingelt, bereute ich jedoch unser Vorhaben, denn im Grunde genommen würde eine wie auch immer in der Erregung geführte Diskussion erfahrungsgemäß nicht nur wie das Hornberger Schießen ausgehen, sondern auch die Liste jener Personen vergrößern, die mich und meine Mission zum Teufel wünschen.

Doch Gott sei Dank traten meine Befürchtungen nicht ein. Im Gegenteil. Nicht nur, dass uns erstaunlich schnell geöffnet wurde, entpuppte sich das von mir kurz in Frage gestellte Unterfangen außerdem als wahrer Glücksfall.

Die glückliche Wendung erschien in Gestalt des neunjährigen Luca – jüngster Spross des La-Famiglia-Patrone Alexander Farinato. Der in der Gegend mit üblicher Vertrautheit von allen nur Alex genannt wird.

Dieser muntere Springinsfeld begrüßte uns in fröhlicher Italo-Manier: „Gehört ihr schon zur Taufgesellschaft?“ Als wir verneinten, führte er uns durch die Gaststube direkt in das Herzstück der Pizzeria, die Küche. Dort knetete Patrone „Papa Alex“ gerade mit seinen Händen einen Pizzateig.

Ohne aufzublicken und zu fragen, was uns eigentlich zu ihm führe, begann er, uns in die Geheimnisse der italienischen Pizzateigphilosophie einzuführen: „Bin gleich fertig. Seid ein bisschen früh. Hier bereite ich Pizzateig für heute Abend vor: Gutes italienisches Mehl, Wasser und frische Hefe werden so lange mit den Händen geknetet, bis sie erlahmen. Zuletzt vorsichtig mit einem Schuss Olivenöl veredeln und dem Teig Zeit zum Gehen geben. Fertig ist der perfekte Pizzateig. So hat es mich mein Vater gelehrt und so werde ich es an meinen Sohn Luca weitergeben.“

Luca hatte uns inzwischen stillschweigend zwei Wasser kredenzt. „Später macht euch Papa einen Espresso.“ Nachdem wir uns vorgestellt hatten, bat er seinen Sohn, uns an jenen kleinen Ecktisch zu führen, der nicht für die bevorstehende Tauffeier eingedeckt war. Wenige Augenblicke später setzte sich auch Alex zu uns. „Habe leider nur wenig Zeit. Würde mich gern ausführlicher mit euch unterhalten. Aber wenn ihr wollt, bleibt einfach sitzen.“ Plötzlich sprang er auf und während er den vom Sohn avisierten Espresso brühte, erzählte er weiter: „Nach anfänglicher gegenseitiger kritischer Inaugenscheinnahme richten wir heute immer mehr Familienfeiern aus. Leider bekommen wir nicht mehr als vierzig Personen unter. Ich hätte schon längst angebaut, finde aber seit ich hier 2010 eröffnet habe nur sehr schwer motiviertes Personal. Und wenn ich gedacht habe, wirklich jemanden gefunden zu haben, haute der auch bald wieder in den Sack, weil ihm letztlich die Liebe zum Beruf fehlt. Und mit Menschen, die nur stupide ihre Stunden abquälen, macht das Arbeiten wenig Spaß. In dieser Situation überlegt man mehr als zweimal, ob man in Größenordnungen investiert.“

Wir erfuhren, dass dies auch der Grund dafür sei, dass er seine Pizzeria erst in den Abendstunden öffnet.

Dann jedoch ist der Laden voll, denn für viele Wanderer, die in den umliegenden Gemeinden nächtigen, ist die Pizzeria mittlerweile zum verlässlichen Anlaufpunkt geworden. Dazu kommen immer mehr Bestellungen außer Haus.

Inzwischen war die Taufgemeinde eingetroffen und vergnügte sich bei mitgebrachtem Blechkuchen und italienischen Kaffeespezialitäten. „Das mit dem Kuchenbacken gehört in dieser Region zur Tradition. Daran darf nicht gerührt werden“, kommentierte Alex den heiteren Kaffeeklatsch.

Wir genossen die familiäre Atmosphäre, als gehörten wir zur Familie.

Zwischendurch brachte uns Alex unaufgefordert zwei Pizzen.

Der Teig war wunderbar flauschig und duftete aufregend nach Dolce Vita.

Einige Tage später kehrten auch zwei meiner Tester in der Pizzeria ein. Lobten die überschaubare Fleisch- und Fischkarte und schwärmten besonders von den Scaloppina al limone und al funghi (13,50 € und 14,50€), die „ . . . wahrhaftig aus Kalbfleisch geschnitten waren.“

Zum Abschluss noch ein letzter Espresso.

Der war so gut, dass keine Gefahr bestand, dass marodierende Feldherren dem italienischen Gasthaus den Roten Hahn aufsetzen.

Grazie Patrone Alex.

Wenn scheinbar nichts mehr läuft, taucht wie so oft nicht nur in Thüringen plötzlich ein Italiener auf und rettet die Gastlichkeit, findet

Ihr wieder versöhnter Tester

Matthias Kaiser

rennsteig-pizzeria@online.de

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.