Mundschutz, Barrikaden, Hoffnung: Wie eine Eichsfelderin den Ausbruch des Coronavirus in China erlebt

Changchun/Bischofferode.  Gisela Reinhardt und ihr Mann sind vor gut drei Wochen zum Familienbesuch nach China geflogen. Nun sind sie in einem medizinischen Krisengebiet.

An allen Mautstellen und Einfahrtsstraßen der nordchinesischen Stadt Changchun gibt es Sperrungen und Gesundheitschecks.

An allen Mautstellen und Einfahrtsstraßen der nordchinesischen Stadt Changchun gibt es Sperrungen und Gesundheitschecks.

Foto: Katrin Weidlich

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Vor gut drei Wochen machte sich die Bischofferöderin Gisela Reinhardt mit ihrem Mann auf den Weg zur Familie ihrer Tochter nach China. Die Eichsfelder freuten sich darauf, Zeit mit den drei Enkeln zu verbringen.

„Unsere Tochter Katrin und ihr Mann Thomas wollten in Dubai an einer Laufveranstaltung teilnehmen“, erzählt sie. Um die Kommunikation zu erleichtern, nahm die Tochter ihre Mutter in die Chatgruppe „Rat und Tat“ auf, die alle Bewohner des deutschen Dorfes in Changchun nutzen, um Informationen auszutauschen. Während sich in den ersten Tagen alle Fragen und Themen noch um das chinesische Neujahrsfest, die Öffnungszeiten der Geschäfte und Arztsprechstunden drehten, änderte sich das am 23. Januar. „Es wurde von verstärkten Kontrollen an Flughäfen berichtet. Dann kamen Schlag auf Schlag Mitteilungen über das Coronavirus“, so Gisela Reinhardt.

Chat ist einzige Informationsquelle

Da man kein Fernsehen, Radio oder Zeitung hatte, weil man die Nachrichten auf Chinesisch nicht verstand, sei der Chat die einzige Informationsquelle. „Die Deutsche und die Internationale Schule teilten mit, dass der Unterricht für alle Schüler bis voraussichtlich 15. Februar ausfallen wird. Später bekamen die Eltern die Mitteilung, dass es ab Montag, 3. Februar, eine Online-Beschulung für alle geben wird. Auch die Arbeitsstellen der deutschen Mitarbeiter sind geschlossen“, berichtet die Eichsfelderin.

Sie selbst und ihr Mann ließen sich beim Auswärtigen Amt registrieren. Dazu sei geraten worden. „Es gab Rundschreiben vom Auswärtigen Amt, von der Stadt Changchun, eines vom Bezirk und auch eines vom Staatschef, in dem die Bürger aufgefordert wurden, sich zu schützen. Es wurde empfohlen, Schutzmasken zu tragen, oft die Hände zu waschen und zu desinfizieren, Menschenansammlungen zu vermeiden, nach Möglichkeit im Haus zu bleiben“. Es sei auch der Appell ergangen, wenn sich jeder verantwortungsvoll verhielte und diszipliniert sei, würde man es schaffen.

Schlangen vor Apotheken, Schutzmasken sind ausverkauft

„Vor den Apotheken bildeten sich Schlangen, die Atemschutzmasken waren ausverkauft. Hier sind um die 20 Grad Minus, viel Schnee und Sonnenschein. Der See in der Nähe des Deutschen Dorfes war ein einziger Tummelplatz zum Schlitten fahren, Eislaufen, Spazierengehen. Seit letzter Woche sieht man weniger Menschen dort, aber alle nur noch mit Mundschutz, aber wir haben hier keinen gefunden“, so die Eichsfelderin.

Sie schrieb in ihrer Angst an die Schwester, die als Hygieneinspektor Erfahrungen mit solchen Situationen hat und bekam Tipps. „Ich klebte in die Schlafmasken vom Flugzeug Slipeinlagen. So waren wir auch geschützt und konnten uns mit den Kindern draußen aufhalten“, erzählt die Bischofferöderin.

Am Mittwoch kam Tochter Katrin aus Dubai zurück. „Dort hatten viele Chinesen ihren Urlaub zum Neujahrsfest verbracht und in den Apotheken Mundschutz gekauft, so dass er auch in Dubai nicht mehr zu haben war. Bei dem gesamten Flug hatten alle Passagiere, Stewardessen und selbst der Pilot Mundschutz auf. Bei der Zwischenlandung in Peking durften immer nur wenige Passagiere das Flugzeug verlassen, um Menschenansammlungen zu vermeiden und Temperaturmessungen durchführen zu können. „Der Flughafen in Peking war wie ausgestorben“, berichtet Gisela Reinhardt. Wer fliegen wolle, müsse vier Stunden vor Abflug am Flughafen sein, damit genügend Zeit für Gesundheitschecks wäre. Zahlreiche Menschen in weißen Overalls hätten gewischt und alle Stellen desinfiziert, die mit Menschen oder Gepäck in Berührung gekommen seien. Alles habe nach Chlor gerochen, berichtete die Tochter. In der Lounge, in der sonst Essen angeboten wird, hätte es nur abgepackte kleine Snacks gegeben.

„Katrin hatte ein gutes Gefühl, da die Behörden die Situation sehr ernst nehmen und die Menschen sich schützen. Jeder hat Angst, krank zu werden. Hier haben wir eigentlich keine Angst, da wir wenig Kontakt zu anderen Menschen haben.“

Von der Kontrolle an der Straße sofort ins Krankenhaus

„Die Einfahrtsstraßen und Mautstellen rund um Changchun sind mit Barrikaden versehen. An diesen Stellen stehen Menschen, die bei jedem Fahrzeuginsassen die Temperatur messen, indem sie ein Thermometer vor die Stirn halten“, erzählt Gisela Reinhardt. Die Frau am Gemüsestand habe von einem Autofahrer berichtet, der von der Kontrolle sofort ins Krankenhaus kam.

„Hier im Dorf bekamen alle Bewohner eine Maske und Desinfektionsmittel. Es ist sehr unbequem. Man schwitzt und bekommt nicht richtig Luft“, so die Eichsfelderin. Per WhatsApp haben ihr viele Freunde und Bekannte geschrieben, die sich Sorgen machen. „Das fanden wir sehr nett. Sicher wissen in Deutschland die Leute mehr als wir hier. Gestern kam die Mitteilung, dass Lufthansa die Flüge nach China eingestellt hat. Wir werden versuchen, nächste Woche mit Air China nach Hause zu fliegen.

Katrin wird Ende des Monats 40 und hat sich darauf gefreut, diesen runden Geburtstag mit ihren Brüdern zu feiern. Jetzt haben die ihre Flüge gecancelt. „Sicherheit geht vor.“ Gisela Reinhard sagt, dass alle in einem Boot sitzen. „Niemand möchte krank werden, niemand möchte sterben, alle haben Angst, egal, wo wir leben.“

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