Schließung von Tagestreffs trifft Obdachlose hart

Erfurt/Weimar/Jena.  Notunterkünfte für Wohnungslose gibt es in Thüringer Kommunen auch in Coronazeiten ausreichend. Andere Angebote sind jedoch eingeschränkt.

(Symbolbild)

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Foto: Holger Hollemann / dpa

Die Kommunen in Thüringen halten nach eigener Einschätzung auch in Corona-Zeiten ausreichend Unterkunftsmöglichkeiten für Obdachlose bereit. Problematisch kann für Wohnungslose gerade in den größeren Städten aber die Schließung der Tagestreffs sein, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

"Für unsere Gäste ist der Tagestreff nicht nur ein Ort zum Aufwärmen", sagt der Fachdienstleiter des Erfurter Tagestreffs/ Suppenküche der Caritas im Bistum Erfurt, Christof Schönau. "Das Bedürfnis nach einem Ort, an dem man andere Menschen treffen kann, ist sehr hoch." Für viele Betroffene seien die sozialen Kontakte und die Möglichkeit, in einem ruhigen Umfeld etwas zu essen und Kraft zu tanken, extrem wichtig. "Ein solcher Schritt bedeutet erhebliche Einschnitte für die Betroffenen."

Diese Einschätzung wird vom Tagestreff der Caritas in Leinefelde bestätigt. Er ist seit Anfang November wegen des Teil-Lockdowns geschlossen. In Leinefelde seien Wohnungslose in Unterkünften untergebracht, die auch tagsüber genutzt werden könnten, sagt Sozialarbeiter Silvio Bierwirth. Ein Ort zum Aufwärmen sei daher nicht nötig. "Aber auf der psychischen Ebene trifft eine Schließung alle Bedürftigen hart. Irgendwann fällt vielen einfach die Decke auf den Kopf". In Leinefelde suchten die Caritas-Mitarbeiter deshalb regelmäßig den Kontakt zu den Betroffenen. Einer Wiedereröffnung sieht er mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die Abwägung zwischen dem Schutz der Menschen, die fast alle Vorerkrankungen aufwiesen, und den sozialen Bedürfnissen sei äußerst schwierig.

Sondergenehmigung in Erfurt

Auch in Weimar und Eisenach wurden die Tagestreffs vorübergehend geschlossen. In Erfurt kann es Schönau zufolge aufgrund einer Sondergenehmigung der Stadt und unter strengen Hygieneauflagen weiter gehen: Die Öffnungszeiten wurden in fünf Schichten aufgeteilt, in denen jeweils nur höchstens 20 Gäste gleichzeitig anwesend sein dürfen. Jede Schicht dauere 45 Minuten, danach werde eine Viertelstunde desinfiziert und die nächsten Gäste würden eingelassen.

"Früher gab es solche Regelungen natürlich nicht, das ist für viele eine große Umstellung", erklärt Schönau. "Aber das Verständnis dafür ist groß und die Menschen sind froh, dass das überhaupt möglich ist." Im Frühjahr habe die Einrichtung einen Monat ihre Pforten geschlossen und auf ein "To-Go"-System umgestellt und den Menschen Essen ausgeteilt. Viele hätten dann auch auf die Möglichkeit zum Duschen und Wäschewaschen verzichten müssen, die die Einrichtung anbiete. "Kunden und Mitarbeiter sind glücklich, dass das von der Stadt möglich gemacht wurde. Wir hoffen, dass es so bleibt."

Hilfsbereitschaft Freiwilliger auch während Corona

Auf die Bereitschaft zum Helfen hat sich die Corona-Pandemie den Kommunen zufolge indes nicht stark ausgewirkt. Während in Jena und Weimar weder einen Mangel noch ein Anstieg von ehrenamtlichen Helfern verzeichnet wurde, meldet die Caritas im Bistum Erfurt einer Stadtsprecherin zufolge sogar ein leicht verstärktes Interesse an ehrenamtlichem Engagement. Eingesetzt werden könnten die freiwilligen Helfer aber nicht, weil der erforderliche Mindestabstand dann nicht eingehalten werden könne.

Nach Angaben der Kommunen gibt es weder in Erfurt, Eisenach, Weimar, Sonneberg oder Nordhausen einen Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten für Wohnungslose. In Erfurt nutzen einer Sprecherin zufolge aktuell rund 130 Menschen die Notübernachtungen oder sonstigen städtischen Unterbringungsmöglichkeiten. In Jena sind der Stadt zufolge aktuell 56 Menschen in Notunterkünften untergebracht. Weil die Einrichtungen in vielen Fällen in Einzelappartements oder getrennten Zimmern lebten, spielen dort Corona-Auflagen keine große Rolle. Bei den Tafeln wurde die Essensausgabe auf Essen zum Mitnehmen umgestellt, um die Ansteckungsgefahr zu mindern. Einen Anstieg von Obdachlosen verzeichnet nur Sonneberg, wo sich die Zahl der Wohnungslosen einem Stadtsprecher zufolge von normalerweise etwa vier aktuell fast verdreifacht habe.