Tierklinik schickt Brief wegen einer Brieftaube

Tambach-Dietharz  Hans und Karin Zimmermann widmen sich einem selten gewordenen Hobby: Sie halten Brieftauben und lassen sie über Hunderte von Kilometern fliegen.

Hans Zimmermann und seine Frau Karin aus Tambach-Dietharz halten Brieftauben und schicken sie auf Reisen. Ein Tauben-Reise-Informationssystem zeigt an, wann sie im Schlag wieder eintreffen.

Hans Zimmermann und seine Frau Karin aus Tambach-Dietharz halten Brieftauben und schicken sie auf Reisen. Ein Tauben-Reise-Informationssystem zeigt an, wann sie im Schlag wieder eintreffen.

Foto: Wieland Fischer

Bei Hans und Karin Zimmermann bimmelt es an manchen Tagen im Sekundentakt. Dann steht kein Besucher vor der Tür. Vielmehr zeigt der feine Ton an: Jetzt ist wieder eine Brieftaube von weiter Reise in den heimischen Schlag zurückgekehrt.

Die Eheleute Zimmermann aus Tambach-Dietharz sind leidenschaftliche Brieftaubenzüchter. Dazu gehört, dass sie ihre Täubchen auf Reise schicken. Das geschieht in dem Wissen, dass diese selbst aus hunderten Kilometern Entfernung wieder nach Hause finden. Warum ihnen das gelingt und sie nicht in freier Wildbahn herumschwirren, das lasse sich nicht mit völliger Gewissheit erklären. „Was Genaues weiß keiner“, sagt Hans Zimmermann.

Beim jüngsten Flug am Wahlsonntag, 26. Mai, waren 25 Brieftauben aus seinem Bestand 6.45 Uhr von Koblenz aus mit „aufgelassen“ worden. Die erste Taube traf nach gut zwei Stunden, 9.09 Uhr, im heimischen Schlag in Tambach-Dietharz ein. Die letzte trudelte am Abend, Stunden später ein. Sie habe „Pausen“ eingelegt, sagt der erfahrene Brieftaubzüchter. Vier von den 25 stehen noch aus. Sie könnten mit anderen Schwärmen weitergezogen sein, Tage, Wochen später noch heimfinden. Einmal kehrte eine gar erst nach einem Jahr wieder zurück. Manche gar nicht.

Hans Zimmermann macht sich deswegen keine Sorgen. Brieftaubenhalter seien Naturfreunde. „Wir füttern die Brieftauben, und der Falke frisst sie. Da geht er nicht an die anderen Vögel.“ Es gebe aber auch Halter, die nehmen fremde Tauben trotz Kennzeichnung in ihrem Schlag auf. Unter Sportfreunden – als solche sehen sich die Brieftaubenhalter – gebiete es die Fairness, sie freizulassen.

So ist die Freude immer wieder groß, wenn die Tauben von ihren weiten Flügen zurückkehren. Doch selbst in so einem langen Brieftauben-Züchterleben wie das von Hans Zimmermann treten immer wieder Ereignisse ein, die den heute 83-Jährigen stets aufs Neue verwundern.

Jetzt ließ ihn ein Brief aufhorchen. Der wurde nicht per Brieftaube gesendet, sondern per Post aus Wiesbaden. Eine Tierklinik teilte den Eheleuten Zimmermann mit, dass eine ihrer Brieftauben dort zur Behandlung sei. Die Ringnummer gibt genauen Aufschluss über Herkunft und Halter.

Die Taube sei von einem tierlieben Mitbürger dort abgegeben worden, heißt es in dem Schreiben. Der Mann habe das Tier verletzt in der Umgebung gefunden. Es hatte ein Bein gebrochen. Die Brieftaube sei behandelt und versorgt worden.

Zimmermanns Brieftaube war beim ersten Wettflug in diesem Jahr in Alsfeld mit etwa 1100 weiteren Artgenossen in die Luft gestiegen. Wie es zu der Verletzung kommen konnte, das lasse sich nicht genau bestimmen, teilte die Tierklinik weiter mit.

Möglicherweise sei ein Raubvogel in den Schwarm hinein gebraust, vermutet Karin Zimmermann. Das Tier könne sich aber auch an einem Stromkabel oder an etwas anderem verletzt haben. In den 70 Jahren, die Hans Zimmermann Brieftauben hält, hat er bis dato noch nie einen derartigen Brief bekommen, um von einer Behandlung eines seiner Tiere zu erfahren.

Sein Vater Adolf Zimmermann hatte in ihm die Freude an der Brieftaubenzucht und dem damit verbundenen Wettfliegen geweckt. Brieftauben zu halten sei spannender als Farbentauben zu züchten, findet Hans Zimmermann.

Jetzt „fliege“ er mit dem RV „Rennstiegflieger Neuhaus“. RV steht für Reisevereinigung. Diese schließt das Abholen der Tauben zu Trainingsflügen und Wettkämpfen ein. Vor Jahrzehnten habe es allein in Tambach-Dietharz 15 ausgewiesene Brieftaubenhalter gegeben. Jetzt sind es nur noch zwei ihrer Art. Neben Hans Zimmermann widmen sich Marko Herr dem mittlerweile selten gewordenen Freizeitvergnügen.

Das Wettfliegen über lange Strecken mache dessen besonderen Reiz aus. Von Ungarn, von Polen habe er die Tiere auf Reisen geschickt. Mit Kabinenexpress werden die Brieftauben dann abgeholt, an einer Sammelstelle per Ring erfasst und zum Heimflug „aufgelassen“.

Die Datenerfassung erfolge elektronisch. Ein im Haus der Brieftaubenhalter installiertes Terminal registriere auf die Sekunde genau, wann sie im Schlag wieder eintreffen. Der dabei ausgelöste Bimmelton zeigt es dem Besitzer an.

Inzwischen ist das Bein der verletzten Taube geschient. Wegen der Behandlung werde Zimmermanns eine kleine Rechnung gestellt, kündigte die Tierklinik an. Die Eheleute gehen davon aus, dass diese per Post und Briefträger zugestellt wird. Die Brieftaube fliege hingegen eigenständig zurück, in der Gewissheit, dass sie und ihre Artgenossen alleine den Weg nach Hause finden. – Vorausgesetzt, es kommt nichts dazwischen. So warten Karin und Hans Zimmermann, bis es wieder bimmelt, in der Hoffnung, es handelt sich um die verletzte Taube.