Eiche in Nöbdenitz steht im Guinnessbuch der Rekorde

Streit zwischen Eheleuten bringt manchmal tatsächlich etwas. So erzählt eine Anekdote, das erste Brockhauslexikon sei aus einem heftigen Wortwechsel von Lexikonbegründer Brockhaus und seiner Frau entstanden. Und es gibt noch ein Beispiel, in Nöbdenitz.

Die Eiche von Nöbdenitz ist einer der ältesten Bäume Europas - umrankt von einer magischen Geschichte.  Foto: Dirk Koch

Die Eiche von Nöbdenitz ist einer der ältesten Bäume Europas - umrankt von einer magischen Geschichte. Foto: Dirk Koch

Foto: zgt

Nöbdenitz. Es war zur Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals heiratete Hans Wilhelm von Thümmel aus der Leipziger Gegend die Besitzerin der Rittergüter Nöbdenitz und Untschen, Charlotte von Rothkirch-Trach. Geheimrat Thümmel war hoffnungsloser Romantiker und kein Geldmensch. Das Gedeihen der Sinne ging ihm über alles. Er legte mehrere wunderschöne Parkanlagen an, so in Altenburg den Gartenpark, auch in Nöbdenitz und Unt-schen entstanden Gärten, die sehr schön waren, aber auch eine Menge kosteten. Bei Geld hört nicht nur die Freundschaft, sondern auch manchmal die Harmonie in der tiefsten Liebe auf. So kam es immer wieder mal zu Auseinandersetzungen in der Ehe.

Die Errichtung der Gärten und Parkanlagen kostete den ehemaligen Minister viel Geld, sodass er schließlich mittellos wurde. So kam es immer wieder zu Streit zwischen den Ehepartnern. Bei einem solchen Streit schrie ihn seine Frau an: "Ohne Heirat hättest du nicht einmal genug Land für dein Grab!" Das kratzte den feinsinnigen Geheimrat Thümmel an der Ehre. Kurzerhand lief er zum Pfarrer von Nöbdenitz und kaufte diesem den uralten Eichenbaum der Pfarrei ab. Er traf die Bestimmung, den Baumveteran als seine Grabstätte zu nutzen.

Der hohle Stamm hatte damals schon einen stattlichen Umfang von 12,5 Metern, bot also genügend Raum für eine Grabstätte. Heute beträgt der Stammumfang 12,7 Meter.

Die Beerdigung im Eichenbaum fand tatsächlich statt. Thümmler starb im 80. Lebensjahr. Der Leichnam wurde unten in der Baumgruft auf eine Mossbank gelegt. Das Kirchenbuch von Nöbdenitz vermerkt: "Gestorben in Altenburg den 1. März 1824 früh 1 Uhr. Beigesetzt unter der von dem seeligen Herrn Geh. Rate erkauften Pfarreiche auf Bewilligung Herzogl. Regierung in einer dazu ausgemauerten Gruft – vermauert wider alle Besorgnis einer gefährlichen Ausdünstung des toten Körpers – mit einer Rede."

Darüber musste eine Löschkalkschicht aufgebracht werden. Man war auf die Hygiene bedacht und befürchtete, die Gase des verwesenden Leichnams so nah an der Straße würden vorbeikommenden Menschen schaden. Der Hohlraum im Inneren des Baumes war mit einer Bank ausgestattet und wurde als Andachtsort benutzt. Eine eiserne Gittertür verschloss die Begräbnisstätte und ein Lattenzaun mit Sandsteinsäulen umfriedete den Baumriesen. Von der Eisentür zeugt heute noch eine verrostete senkrechte Eisenschiene am Stamm, an der die Tür angebracht war.

Diese Dinge beflügelten die Fantasie der Einwohner des Ortes. Man flüsterte, der Tote würde eingemauert auf einem Stuhl sitzen, andere wiederum erzählten, das Grab im Eichenbaum sei in Wirklichkeit leer.

Leer ist es nicht. Der Heimatforscher Ernst Bräunlich aus Posterstein, der als Lehrer in Nöbdenitz wirkte, ging mit interessierten Schülern 135 Jahre nach Thümmels Tod der Angelegenheit auf den Grund. Auf den Grund der Eiche. In der Stammhöhle fand sich der Andachtsraum. Darin befanden sich eine zerbrochene Vase, eine morsche Holzkonsole und Reste metallener Kranzschleifen, wie sie in der Todeszeit Thümmlers üblich waren.

Daraufhin grub man ein Loch in den Boden und fand nach Beseitigung von Erde und morschem Holz die beschriebene Kalkschicht mit einer Dicke von 20 Zentimetern und die drei Natursteinplatten. Der darunter liegende Hohlraum konnte durch einen Spalt mit einer Taschenlampe ausgeleuchtet werden, wobei man ein Skelett erblickte, das quer zur ehemaligen Fahrbahn der Dorfstraße und mit dem Kopf in südlicher Richtung lag.

Hohl ist der Eichenbaum schon lange. Im Nöbdenitzer Kirchenbuch vom Jahre 1598 wird die Eiche mit den Worten beschrieben: "Ein hohler Eichenbaum, stammet noch aus heidnischer Zeit." Für den hohlen Stamm haben in den vergangenen Jahrhunderten der Schwefelporling und andere Schädlinge gesorgt. Vielleicht bleibt der Baum noch einmal viele Jahrhunderte erhalten. Besonders, da sich ein junger Neustamm gebildet hat, der Krone und Baum ernährt. Eisenbänder sichern den Stamm. Wahrscheinlich 1819 hatte schon ein Gewittersturm für den Verlust der mächtigen Krone gesorgt. Im Guinnessbuch der Rekorde steht die Nöbde-nitzer Stieleiche (Quercus robur), mit 2000 Jahren als älteste ihrer Art in Europa. Diese Altersangabe ist jedoch umstritten. Als allgemein gängige Altersangabe haben sich 1000 Jahre eingebürgert. Doch das wahre Alter der Eiche ist nicht mehr zu ermitteln. Denn durch den hohlen Stamm fehlen dem alten Baum die Jahresringe.

In der neuesten Literatur wird die Eiche auf ein Alter von 700 bis 800 Jahren geschätzt. Aber, sollte man dem Baumveteranen nicht einfach Ehre und Mythos lassen?