Trassengegner zwischen Hoffnung und Kampfesmut

Nach der Anhörung zur 380-kV-Leitung durch Thüringen schwanken die Erwartungen der Trassengegner zwischen banger Vorahnung und neuem Kampfesmut. Wut und Enttäuschung über "die da oben" überwiegen in den Tagen nach der womöglich entscheidenden öffentlichen Aussprache.

Gegner der 380-Kilovolt-Leitung des Energieversorgers Vattenfall erhoffen sich Unterstützung für ihren Kampf gegen das Projekt, das bereits im Bau ist. Foto: Marco Schmidt

Gegner der 380-Kilovolt-Leitung des Energieversorgers Vattenfall erhoffen sich Unterstützung für ihren Kampf gegen das Projekt, das bereits im Bau ist. Foto: Marco Schmidt

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Großbreitenbach. Elke Nordhauß kann sich noch immer in Rage reden über den Verlauf der Anhörung zur 380-kV-Leitung. "Wir sind denen doch völlig egal. Die wollen nur ihren Profit machen." Um ihr Gefühl nach der förmlichen Anhörung im Planfeststellungsverfahren zur Trasse über den Thüringer Wald zu beschreiben, muss die lebhafte blonde Frau nicht nach Worten suchen. Es sei denn nach solchen, die für den Zeitungsabdruck geeignet sind. "Das war schlicht unverschämt", sagt sie dann.

Vor etwa zehn Jahren haben sich Elke und Thomas Nordhauß, die im zehn Kilometer entfernten Königsee einen Renovierungsfachbetrieb führen, ihren Traum von einem Leben mitten in der Natur erfüllt. Sie kauften und sanierten ein Häuschen im Außenbereich der 3000-Einwohner-Stadt Großbreitenbach im Ilmkreis, umgeben nur von Wald. Glücklich seien sie dort gewesen. Doch nun droht sie die Zivilisation brutal einzuholen. In Form der Starkstromtrasse. Laut Planfeststellungsverfahren werden die Kabel in nur 80 Meter Entfernung von Schlafzimmer und Terrasse vorbeiführen. Der Mast - nicht weit weg von der Grundstücksgrenze - soll den Planungen zufolge über 90 Meter hoch werden. Die Schneise unterhalb der Leitung wird 100 Meter Breite einnehmen. Thomas Nordhauß: "Unser Haus ist praktisch unverkäuflich."

Seine Frau Elke macht ihrem Ärger Luft. Sie ist wütend über die Situation insgesamt, aber vor allem über das Auftreten der Strommanager in der Anhörung am vergangenen Mittwoch. Lärm, Gesundheitsgefahren, Naturzerstörung – alles sei wegdebattiert worden. "Und als ich berichtete, wir hatten schon Probleme, eine Anschlussfinanzierung für unsere Bankkredite zu bekommen, hat eine Frau auf der Gegenseite sogar gelächelt." Sie hat ihr einen Wohnungstausch vorgeschlagen. Doch die Strommanagerin wollte nicht darauf eingehen.

Wenige Hundert Meter vor dem Nordhauß’schen Haus quälen sich die Schwerlastkipper die Landstraße von Möhrenbach in Richtung Großbreitenbach hinauf. Dann biegen sie rechts ab, entladen ihre erdige Fracht auf einer Deponie, die beständig wächst. Auf 13 Meter Höhe wird sich die Abraumhalde türmen, wenn 2012 die Sprengungen am Silberbergtunnel abgeschlossen sein werden.

Und danach könnten die Masten kommen. Weit über den Wipfeln sollen sie ihre Stahl-Strippen in angemessener Höhe über den künstlichen Hügel führen. So hat es der Energiekonzern "50 Hertz Transmission" beantragt, dem Bauherrn der geplanten Trasse von Vieselbach nach Altenfeld.

Nirgendwo sonst lässt sich die infrastrukturelle Zwickmühle, in der Großbreitenbach steckt, besser verdeutlichen als hier an der "Hohen Tanne". Weil ab Mitte der 90er Jahre die "Planbau Deutsche Einheit" und der Stromkonzern unabhängig voneinander für ihre Großvorhaben die jeweils günstigste Route über die Höhen des Thüringer Waldes gesucht haben, stießen sie auch unabhängig voneinander auf die Passage bei Großbreitenbach.

Beide Verfahren wurden in unterschiedlichen Abteilungen des Landesverwaltungsamtes vor-angetrieben – mit dem Ergebnis, dass erst vor zwei Jahren aufgefallen ist, dass die Erdstoffdeponie der Bahn genau dort platziert werden sollte, wo die Stromversorger einen Mast geplant hatten.

Ein Album für den Energiekonzern

"Die Stadt und ihre Bürger sind am Ende ihrer Belastbarkeit angekommen", sagt Rechtsanwalt Hans Neumeier. Er vertritt die Bürger und Kommunen entlang der geplanten Trasse in dem Anhörungsverfahren, das Anfang Mai begann und in dieser Woche endete. "Die Menschen akzeptieren es nicht, dass ein weiteres Stück ihrer Lebensqualität geopfert werden soll. Und die Kommunen wollen nicht hinnehmen, dass ihre Entwicklungsmöglichkeiten beschnitten werden."

Zu diesen Bürgern gehört auch Frank Steinbeck. Er hat wenige Tage vor der Anhörung die bisherigen Naturzerstörungen seiner Heimat mit der Kamera dokumentiert. Zwei Tage lang fuhr der Versicherungsmakler mit dem Rad durch den Wald, fotografierte Baustellen, gerodete Flächen und offene Wunden in der Landschaft. Dann übergab er das Album an die Vertreter von 50 Hertz. "Für diese Zerstörungen werden uns unsere Nachfahren verfluchen", ist er sich sicher. Die Bilder hat er auf seinem Rechner gespeichert. Mehr kann er derzeit nicht machen. Nun liegt es am Landesverwaltungsamt, eine Entscheidung zu treffen.

Vermutlich bis zum Sommer wird sich Peter Siefer, zuständiger Referatsleiter im Landesverwaltungsamt, mit jeder einzelnen Beschwerde nochmals gründlich befassen. Dann veröffentlicht er den Planfeststellungsbeschluss: Baurecht oder eben nicht. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass die Trasse - in welchem Verlauf auch immer - genehmigt wird.

Unverständlich fände das Manfred Rosemann. Der Bauer und Ingenieur spürt die schleichende Flächenvernichtung in seinem Heimatort in besonderer Weise. Er besitzt eine Herde von 70 Rindern. Doch bald wisse er nicht mehr, wo er seine Tiere noch hinstellen soll. "Mehrere Hektar Weideland gingen durch die Tunnelarbeiten verloren. Nun drohen weitere Verluste durch die Mastenstandorte und Leitungen."

Er zitiert eine Studie, die Tieren, die sich unter Stromtrassen bewegen, Orientierungslosigkeit bescheinigt. "Wenn es nur um den Betrieb ging, würde sich schon eine Lösung finden", sagt er. Aber auch Rosemann fühlt sich nicht ernst genommen von den "Stromleuten". Nicht nur dass man ihm verboten hatte, den Text des Artikels über die Studie im Anhörungssaal vorzutragen, auch deren Forschungsergebnisse seien einfach vom Tisch gewischt worden - unter Verweis auf andere Studien.

Dass Leitungen zumindest auf den menschlichen Organismus wirken, davon ist Klaus Oschmann überzeugt. Der ehemalige Forstwirtschaftsmeister durchstreift seit einigen Jahren die Reviere der Region - immer auf der Suche nach neuen Borkenkäfernestern.

Der Ruheständler ist immer noch rüstig. Nur vor geraumer Zeit stimmte etwas mit dem Herzschrittmacher nicht. Sein Arzt fragte ihn besorgt nach Mikrowellen und anderen Risikogeräten im Haus. Erst als Oschmann ihm von den Wanderungen erzählte, kam dem Mediziner ein Verdacht. Das Unterschreiten von Stromleitungen im Wald könnte die Ursache für das Problem sein. Die Experten von 50 Hertz mochten das nicht glauben.

"Hier geht es doch nur um Profit", sind Frank und Bettina Steinbeck nach der Anhörung überzeugter denn je. Und dass dieses von Peter Siefer erkannt wird, darauf gründet sich ihre Hoffnung. "Wir sahen gut aus in der Anhörung. Ich denke schon, dass wir Siefer ins Grübeln gebracht haben." Steinbeck sieht die Trassengegner gestärkt aus der Anhörung hervorgegangen.

"Es hat sich gezeigt, wir können gegen die Konzerne auch mit Worten gewinnen." Und wenn nicht? Elke Nordhauß zögert keine Sekunde. "Dann klagen wir bis zum bitteren Ende."

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