Zu wenig Lebensmittelkontrolleure: Ekel-Alarm in Erfurt

Erfurt.  Erfurt hat 1649 gastronomische Betriebe, aber nur sieben Lebensmittelkontrolleure. Der Chef des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes schlägt Alarm.

Der jüngste Fall: eine chinesische Kochküche, die wegen der skandalösen Zustände im Dezember geschlossen wurde.

Der jüngste Fall: eine chinesische Kochküche, die wegen der skandalösen Zustände im Dezember geschlossen wurde.

Foto: Amt für Lebensmittelüberwachung

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Ein Restaurantbesuch gehört bei vielen Menschen zu den beliebten Freizeitvergnügen. Der Möglichkeiten gibt es viele in Erfurt. 1649 gastronomische Betriebe – vom kleinen Bistro bis zum Restaurant mit viel Platz für Gäste – waren zuletzt gelistet. Doch nicht immer stammt alles, was auf den Tisch kommt, auch aus hygienisch unbedenklichen Küchen. Diejenigen, die davon ein Lied singen können, sind Erfurts Lebensmittelkontrolleure. Sieben an der Zahl.

Fünf Restaurants 2019 geschlossen

„Viel zu wenig“, sagt Amtstierarzt Dr. Ulrich Kreis. Er ist Chef des Erfurter Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes. Ihn wurmt die personelle Unterbesetzung. „60 Prozent der notwendigen Kontrollen können nicht durchgeführt werden“, sagt er. Räumt aber ein, dass er 2020 vielleicht einen neuen Mitarbeiter einstellen kann. Immer noch nicht genug. Denn das, was die Kontrolleure so vorfinden, führt mitunter zu Würgereiz. „Verstöße in der Gastronomie sind bundesweit nicht außergewöhnlich“, sagt Kreis. Unordnung und Chaos seien Begleiterscheinungen. Dazu kommen technologische Fehler – unterbrochene Kühlketten, falsche Abkühltemperaturen vorgekochter Speisen, mangelhafte Abdeckung, schlechte Handhygiene.

Wenn kontrolliert wird und die Proben auffällig sind, können die Kontrolleure handeln. Vom erhobenen Zeigefinger über Bußgelder bis hin zur Schließung der Gaststätte reicht das Spektrum. 2018 ist das zwei Mal passiert, letztes Jahr fünf Mal. Eine Gulaschkanone und ein deutscher Imbiss und im Dezember eine chinesische Kochküche wurden aus dem Verkehr gezogen. Ebenso ein Backwarenstand und ein Fleischer im Thüringenpark. Man erinnert sich – Mäusebefall. Hier wurde auf eine Strafanzeige verzichtet, so Kreis, weil rechtlich keine Handhabe bestand. Trotzdem hagelte es kräftige Bußgelder für den lukullischen Tummelplatz der kleinen Nager. Beide Verkaufsstellen konnten nach grundlegenden Änderungen wieder öffnen.

Derzeit acht Sünder-Einträge auf der Internetseite der Stadt

Ein Fall landete 2019 sogar vor Gericht, wurde dann aber mit einer hohen Geldstrafe beendet. Gäste hatten im Waldkasino eine Jägerpfanne verzehrt und bekamen starke gesundheitliche Beschwerden. Die Ursache: die zu lange Abkühlzeit. Es bildeten sich Keime, die übel auf den Magen schlugen. Vier Betroffene hatten sich beim Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt gemeldet. Erst dadurch wurde alles publik. „Wir sind für jeden präzisen Hinweis mit klaren Informationen dankbar“, sagt Kreis. Inzwischen hat das Restaurant einen Schockfroster, der dieses Problem mit vorgekochten Speisen löst. Etwas umständlich zu finden auf der Internetseite der Stadt Erfurt (Information der Öffentlichkeit Hygieneverstöße) sind andere Fälle, bei denen mehr als 350 Euro Geldstrafe fällig wurden. Dort finden sich aktuell acht Einträge (wieder zwei Mal das Waldkasino, Restaurant Valentino, Restaurant Espitas, Fleischverarbeitung Zitzmann, Burger King, Restaurant Classico, Dominos Pizza).

Die Kontrolleure stoßen zuweilen auf „Beifänge“, sprich Betrugsversuche. Minderwertiger Fisch wird als teure Seezunge verkauft, der Hirschbraten entpuppt sich als Rindfleisch. Bundesweit usus. Der Fall mit der falschen Seezunge, aufgetreten in einem Restaurant am Domplatz, sei von der Staatsanwaltschaft Erfurt jedoch eingestellt worden. Amtstierarzt Kreis hat so seine Probleme mit den Strafverfolgern, die aus seiner Sicht solche Delikte gern einstellen. „Solche Sachen rangieren ganz weit hinten, weil die üblichen Straftaten Priorität haben“, sagt er. Verbraucherschutz verkomme zum Lippenbekenntnis, da die abschreckende Wirkung fehle. Und das, was sichtbar werde, sei eh nur die Spitze des Eisberges.

Jeder kann Gastronom werden –ohne Prüfung

Was Kerstin Zahn (53), Lebensmittelkontrolleurin seit 1985, bestätigt. Die Nachlässigkeiten würden zunehmen, so ihre Beobachtung. Was auch daran liege, dass man keine Qualifikation vorweisen müsse, wenn man in die Gastronomie gehe. Wenn sie essen gehe, laufe bei ihr da automatisch ein Film im Hintergrund mit – Gesamtbild, Anordnung, Konzept, Sauberkeit, Tresen, Gläser, Besteck, optische Erscheinung des Personals, saubere, gepflegte Hände. Es gebe in Erfurt Gaststätten, die sie lieber meiden würde, gibt sie zu. Vor 1990 sei es doch etwas geordneter zugegangen, sagt sie. Man konnte nicht eben mal so eine Gaststätte eröffnen, musste viele Prüfungen vorweisen. Außerdem: Es gab weniger Zutaten, das Sortiment war überschaubar. Was Fehler von vornherein minimierte.

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