Weimarer baute Zinnfiguren-Schlacht für Weimar-Tatort

Weimar  Marbod Gerstenhauer aus Weimar besitzt eine atemberaubende Zinnfiguren-Sammlung. Für den Weimar-Tatort schuf er ein Stück Thüringer Geschichte im Kleinformat.

Der Weimarer kann sich keine schönere Beschäftigung vorstellen, als Zinnfiguren zu bemalen, sie zu sammeln und zu arrangieren. Foto: Peter Michaelis

Der Weimarer kann sich keine schönere Beschäftigung vorstellen, als Zinnfiguren zu bemalen, sie zu sammeln und zu arrangieren. Foto: Peter Michaelis

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Marbod Gerstenhauer zieht eine Schublade auf und nimmt eine kleine Schachtel heraus. „Sehen Sie, das sind richtige Antiquitäten“, sagt er und hält eine Zinnfigur ins Licht. Es ist einer von zehn preußischen Husaren im Angriff aus der Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71. „Da geht einem das Herz auf.“ Die Vorlagen stammten von Kunstmalern. Und Graveurmeister hätten diese in Schiefer graviert.

Gerstenhauer steht in seinem kleinen Arbeitsraum in Weimar-Tröbsdorf. Auf dem Tisch in der Mitte liegt ein Malbrett, auf dem sich mehrere Zinnfiguren, französische Artilleristen im Gefecht, befinden. Um sie zu vervollkommnen, benutzt der 58-Jährige allerfeinste Pinsel, Dutzende Farbtöpfchen und eine Schreibtischlampe mit integrierter Lupe.

Der Weimarer kann sich keine schönere Beschäftigung vorstellen, als Zinnfiguren zu bemalen, sie zu sammeln und zu arrangieren. Davon zeugen die Dioramen in den beleuchteten Vitrinen rings um ihn. Sie zeigen Szenen aus dem Trojanischen und dem Dreißigjährigen Krieg, die Schlacht von Sedan sowie Winnetou und Old Shatterhand. In Schubladen und Fächern schlummern noch weit mehr Schätze: Zehntausende Zinnfiguren in Originalschachteln, um die Gerstenhauer in der Fachwelt beneidet wird. Dabei ragt vor allem seine Sammlung von Kieler Zinnfiguren hervor.

Manchmal, bei diversen Veranstaltungen in Thüringen, kann sich auch die Öffentlichkeit einen Eindruck von seiner Leidenschaft machen. Noch vor einem Jahr hätte er sich jedoch nicht träumen lassen, dass einmal ein Millionenpublikum eine seiner Arbeiten zu Gesicht bekommt. Genau das geschah vor etwa einem Monat. Gerstenhauer hat für den dritten Weimar-„Tatort“ ein Diorama der Schlacht bei Jena 1806 gebaut. Eine der Hauptfiguren, der „treue Roy“, ist schließlich Zinnfigurensammler.

Noch heute schwärmt er von der mehrwöchigen Zusammenarbeit mit den Filmemachern. In seinem Haus in Tröbsdorf hätten der Chefrequisiteur und die Regieassistentin zunächst gefragt, ob es bereits ein Schlachten-Diorama gebe. Die Antwort lautete: Ja, im Museum in Jena-Cospeda. Es sei jedoch fest eingebaut, habe nicht die gewünschten Maße und könne nicht frei im Raum stehen, da es nicht von allen Seiten einsehbar ist.

So gab es nur eins: Das Diorama musste komplett neugebaut werden. „Machen‘se mal“, hieß es vom Filmteam. Und Gerstenhauer machte – erst mal einen Kostenvoranschlag. 300 bis 400 Zinnfiguren, beidseitig bemalt, dazu der Untergrund, das Gelände, die Arbeitsleistung: Er kam auf eine Summe von 1680 Euro. Das war zu teuer. Nach einigem Hin und Her einigte man sich schließlich doch. Der Experte bekam das Material bezahlt und konnte nach den Dreharbeiten alles behalten.

Und so stürzte er sich in die Arbeit. Er fuhr das Gelände ab, auf dem Napoleon einst die Preußen besiegte, besuchte das Museum in Cospeda und wälzte Fachliteratur. Die Nachfrage nach Hunderten Zinnfiguren ließ die Sammelwelt aufhorchen. Neugierige erkundigten sich am Telefon, was denn da los ist in Weimar. Gerstenhauer nahm sogar extra Urlaub, um im Zeitplan zu bleiben. Aber auch sonst bemalte er bis in die Nachtstunden Figur um Figur.

Drei bis vier Wochen dauerte es, und das Diorama war fertig. Stolz wie selten blickte der Tröbsdorfer auf sein Werk. „Dann ist mir jedoch die Kinnlade runtergefallen“, sagt er. Die „Tatort“-Macher wollten, dass nun alles wieder kaputt gemacht werden sollte. So verlangte es das Drehbuch. Gerstenhauer war todunglücklich. Beim besten Willen, das konnte er nicht verstehen.

Doch er fügte sich, ein bisschen jedenfalls, und riss einen Teil der Szenerie herunter. „Das hat dem Regisseur aber noch nicht gereicht.“ Und so zerstörte der Zinnfiguren-Enthusiast den Großteil seiner Arbeit. Der TLZ berichtet er, er habe damals so sehr gelitten, dass ihm das Filmteam 100 Euro Schmerzensgeld zusätzlich bezahlt habe.

Trotz allem hat den Zinnfiguren-Freunden Weimar der „Tatort“ sehr gut gefallen. Einige von ihnen waren kurz in der Szene im eigens eingerichteten Malsaal zu sehen. Gerstenhauer bedauert bloß, dass es nach andert­halbstündigem Dreh nur wenige Sekunden in den Krimi geschafft haben. Die Zuschauer hätten Gießofen, Bilder, Malzeug und Bücher kaum oder gar nicht zu Gesicht bekommen. „Ich hätte mir gewünscht, dass unsere Liebe zum Detail mehr abgebildet worden wäre.“ Mehr als entschädigt wurden er und die anderen Zinnfiguren-Freunde jedoch, als ihnen der Regisseur nach den Dreharbeiten ohne Worte applaudierte. „Das war ein erhabener Moment“, sagt Gerstenhauer.

Das Diorama der Schlacht bei Jena 1806 steht heute übrigens für jedermann zugänglich in der Wasserburg Heldrungen. Die Zinnfiguren-Freunde treffen sich dort einmal im Jahr für ein Seminar. Gerstenhauer hat das Diorama extra wieder aufgebaut. So mancher „Schandfleck“, der durch die Zerstörungsorgie entstanden ist, ist aber immer noch zu sehen. Das ist gewollt, schließlich steckt der Zauber immer im Detail.

www.tlz.de/zinnfiguren

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