"Kamm" war das erste Thüringer Wort

Eine am Donnerstag in Weimar vorgestellte Runen-Inschrift auf einem bei Erfurt entdeckten Hirschgeweih-Kamm stammt aus dem 3. Jahrhundert. Sie ist damit das älteste Zeugnis der westgermanischen Sprache, aus der später Deutsch und Englisch entstanden.

Auf dem mit Kreisaugen-Ornamenten verzierten Kamm sind die Runen nur schwach zu erkennen. Die Symbole entsprechen den Buchstaben KABA. Das Wort wurde "Kamba" ausgesprochen. Der Kamm ist bis 19. April im Weimarer Museum für Ur- und Frühgeschichte zu sehen. Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Weimar. Das älteste direkte Zeugnis der westgermanischen Sprache stammt aus Thüringen. Es handelt sich um das Wort "Kaba" - eine alte Form von Kamm -, das im 3. Jahrhundert in Runen-Zeichen auf einen Kamm aus Hirschgeweih eingeritzt wurde. Aus dem Westgermanischen haben sich die deutsche, die englische sowie weitere mittel- und westeuropäische Sprachen entwickelt.

Archäologen entdeckten den dreieckigen Kamm, der am Donnerstag im Landesamt für Archäologie in Weimar vorgestellt wurde, vor rund 10 Jahren an der späteren A71 bei Frienstedt zwischen Erfurt und Gotha. Er lag zusammen mit Tierschädeln in einem Opferschacht einer germanischen Siedlung und war bei seiner Entdeckung in viele Einzelteile zerbrochen.

Erst bei der Auswertung der Grabungsfunde, zu denen auch Goldringe, seltene Gewandspangen und römische Münzen gehörten, entdeckte der Schleswiger Archäologe Christoph G. Schmidt die Ritzzeichen auf dem inzwischen wieder hergestellten Kamm. Sie sind nur etwa 100 Jahre jünger als die ältesten bekannten Runen, die aus Dänemark stammen.

Wo der Hirsch lebte, aus dessem Geweih der Kamm entstand, wird derzeit in einem Labor in Kopenhagen untersucht. Der Sprachwissenschaftler und Runen-Experte Prof. Klaus Düwel aus Göttingen zeigte sich jedoch davon überzeugt, dass die Inschrift auf dem heutigen Thüringer Gebiet angefertigt wurde. Denn die Endung auf -a in "Kaba" weise auf die westgermanische Sprachform hin. In Skandinavien, wo die ältesten Runen zu finden sind, besaß das Wort eine andere Endung.

Laut Prof. Düwel sind bisher 380 Runen-Inschriften aus dem 2. bis 7. Jahrhundert bekannt. Die ältesten Zeichen aus dem südwest- und norddeutschen Raum stammen erst aus dem 5. Jahrhundert. "Die Bedeutung der Kamm-Inschrift reicht weit über Thüringen hinaus", sagte deshalb der Präsident des Landesamtes, Dr. Sven Ostritz.

Die meisten Runen haben sich in Skandinavien erhalten. Das liegt auch an den zahlreichen Funden aus Mooren, wo sich die mit Runen beritzten Gegenstände besonders gut erhalten konnten. Über Ursprung und Ausbreitung dieser Schriftart verrate die Verteilung der Funde deshalb nicht allzu viel, meinte Prof. Düwel.

Wie die Frienstedter Funde aus Gräbern und Opferschächten nahelegen, lebten in der Siedlung weiträumig vernetzte Germanen, die sowohl mit dem rund 200 Kilometer entfernten Römischen Reich als auch mit dem skandinavischen Raum enge Kontakte pflegten. Bei dem Fundort handelte es sich vermutlich um einen über lange Zeit genutzten Kultplatz, sagte Christoph G. Schmidt.

Für die Germanen, unter denen sich eine Elite herausgebildet hatte, war die Inschrift "Kamm" auf einen Kamm wohl alles andere als banal. Prof. Düwel sprach von einer "namensmagischen Bedeutung" und erinnerte an Rituale und Gelübde rund um das Haar, die bis ins Mittelalter gepflegt wurden.

"Das Haar, das durch den Kamm geordnet wurde, galt als Sitz der Lebenskraft", sagte er. "Ihm wurden magische Kräfte nachgesagt." Auch die Schrift selbst galt als geheimnisvolle Göttergabe, mit der nur die Oberschicht umgehen konnte.

Die Frienstedter Germanen besaßen zahlreiche römische Importgüter und nahmen einige der römischen Sitten, etwa Essgewohnheiten, an. Auch eine Tonfigur vom Fundplatz, die einen spätantiken Liebeszauber symbolisiert, ist nach römischem Vorbild geformt. Die Figur stellt eine Frau dar, die an mehreren Stellen durchlöchert wurde. Christoph Schmidt verglich sie mit einer Voodoo-Puppe - "nur, dass der Liebeszauber positiv gemeint war."

Zugleich legten die Germanen auf eigene Gebräuche Wert und behielten sie bei. Dazu gehörten die Art des Siedlungsbaus und die Sprache, die ihren ältesten schriftlichen Niederschlag auf dem Kamm fand.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.