Zehntausende Thüringer Mädchen und Jungen leben in Hartz-IV-Haushalten

Erfurt  „Jedes Kind, das in Armut leben muss, ist eines zu viel.“ Das sagt Reinhard Müller, Landesgeschäftsführer des Paritätischen, zur Entwicklung von Kinderarmut und Hartz-IV-Abhängigkeit in Thüringen. Trotz allem sei es natürlich erfreulich, dass die Zahl der armen Kinder im Freistaat zurückgehe, sagt Müller.

Trotz sinkener Zahlen: Noch immer leben viele Kinder in Hartz-IV-Haushalten. Foto: Patrick Pleul

Trotz sinkener Zahlen: Noch immer leben viele Kinder in Hartz-IV-Haushalten. Foto: Patrick Pleul

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„Jedes Kind, das in Armut leben muss, ist eines zu viel.“ Das sagt Reinhard Müller, Landesgeschäftsführer des Paritätischen, zur Entwicklung von Kinderarmut und Hartz-IV-Abhängigkeit in Thüringen. Trotz allem sei es natürlich erfreulich, dass die Zahl der armen Kinder im Freistaat zurückgehe, sagt Müller.

Nach Angaben der Arbeitsagentur sei die Zahl der Thüringer Kinder in Hartz-IV-Haushalten gesunken. Danach lebten im vergangenen Jahr 44 000 Kinder unter 15 Jahren in sogenannten Bedarfsgemeinschaften. Das sind 9100 weniger als fünf Jahre zuvor. Gleichzeitig sei die sogenannte Hilfequote der unter 15-Jährigen gesunken. Die Quote beschreibt den Anteil der Kinder in Bedarfsgemeinschaften an der Wohnbevölkerung in der gleichen Altersgruppe. Unterm Strich ist immer noch rund jedes sechste Kind hierzulande von Hartz IV abhängig.

„Kinderarmut ist immer abhängig von der Armut der Eltern. Deshalb ist die beste Politik gegen Kinderarmut eine aktive Arbeitsmarktpolitik“, findet Müller von der Parität. Das zeige auch ein Blick auf die regional völlig unterschiedlichen Zahlen in Thüringen. Der Landkreis Eichsfeld steht etwa sehr viel besser da als die Stadt Gera. „Das heißt, in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit ist auch die Kinderarmut hoch“, so Müller. Die Arbeitsagentur kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Die hohe Betroffenheit in den Oberzentren ist nicht untypisch. Das ist Ausdruck der verschiedenen Sozialmilieus in den Städten“, sagt Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Thüringen.

Er bezeichnet die Bekämpfung des Armutsrisikos als einen zentralen Handlungsschwerpunkt der Jobcenter in Thüringen. „Armut darf sich nicht vererben. Die Jobcenter haben sich in den letzten Jahren spezialisiert und wenden sich bestimmten Personengruppen gezielter zu. Dabei wird in Netzwerken auch mit anderen Partnern zusammengearbeitet. Landesprogramme wie ‚Tizian‘ sind der richtige Weg und entfalten eine gute Wirkung.“

Für den Paritätischen steht fest: „Es geht nicht nur um arme Kinder, sondern um arme Familien.“ Nötig seien ein tariflich entlohnter öffentlicher Beschäftigungssektor für die Eltern der von Armut betroffenen Kinder, „auskömmliche Regelsätze in Hartz IV“ sowie eine eigene Kindergrundsicherung, die die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt. „Der typische, tägliche Bedarf eines Kindes muss abgedeckt werden“, sagt Müller. Grundsätzlich sei die Anbindung an die Jobcenter und die Sozialhilfe der falsche Weg. „Junge Menschen sind keine kleinen Arbeitslosen. Die Jugendhilfe muss beim Jugendamt und nicht beim Jobcenter angebunden sein.“ Zum Abbau der Kinderarmut seien Investitionen des Staates in die Menschen und ihre Lebenschancen nötig. Dazu müssten aber die öffentlichen Kassen gestärkt und eine nachhaltige Steuer- und Finanzpolitik gemacht werden, fordert der Landesgeschäftsführer.

Ein Zusammenschluss von bundesweit 30 Sozialverbänden und Gewerkschaften fordert von der Politik Konzepte gegen Kinderarmut. Höhere Sozialleistungen stoßen bei der zuständigen Fachministerin Andrea Nahles (SPD) jedoch auf wenig Begeisterung. „Kinderarmut ist immer ein bedrückendes Phänomen.“ Am meisten helfe, möglichst viele Menschen in einen Job zu bringen. Allerdings bleibt die Zahl der Langzeiterwerbslosen seit Jahren bei etwa einer Million wie zementiert.

Mit Blick auf die Hartz-IV-Abhängigkeit liegt Thüringen im Vergleich mit den anderen Bundesländern auf dem siebten Platz. Im Bundesdurchschnitt lag die Hilfequote im Juni 2015 bei 15,7 Prozent. In Ostdeutschland betrug die durchschnittliche Hilfequote der unter 15 Jährigen in dem Zeitraum 23,2 Prozent. Der Freistaat liegt an der ostdeutschen Spitze und vor Hamburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland.

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