Thüringen trauert um den Treffurter Egon Bahr

Berlin/Treffurt  Der SPD-Politiker und Architekt der Ostpolitik wurde in der westthüringischen Stadt geboren. Im Alter von 93 Jahren ist er nun gestorben. In Treffurt liegt ein Kondolenzbuch aus.

Egon Bahr beim SPD-Empfang 2009 in Erfurt. Foto: Peter Michaelis

Egon Bahr beim SPD-Empfang 2009 in Erfurt. Foto: Peter Michaelis

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Obwohl die Berliner Mauer schon seit einem Vierteljahrhundert gefallen war, wurmte es Egon Bahr bis zuletzt, dass in etlichen Köpfen die Mauer weiterbesteht. Bei seinem letzten Besuch in seinem Geburtsort Treffurt im Wartburgkreis vor zwei Jahren sagte der damals 91-Jährige: „Ich empfinde es als schmerzlich, dass wir heute noch von Ossi und Wessi reden. Eine innere Einheit gibt es noch nicht. Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren nicht mehr von Ost- und Westdeutschland sprechen müssen. Garantieren kann ich es nicht.“

Die deutsch-deutsche Frage war dem Architekten der Ostpolitik bis zuletzt ein Herzensanliegen. Jetzt ist der frühere enge Vertraute des SPD-Kanzlers Willy Brandt im Alter von 93 Jahren gestorben. Bahrs und Brandts Annäherung an Moskau und die DDR in den 1970er Jahren war eine wichtige Voraussetzung zur späteren Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) reagierte mit Trauer auf die Nachricht über den Tod des im Jahre 1922 geborenen SPD-Politikers und ehemaligen Bundesministers. „Ein großer Thüringer ist von uns gegangen, eine große Europäische Stimme ist verstummt. Egon Bahr war der Vater der Ostpolitik, dessen Traum Versöhnung statt Krieg war. Die deutsche Einheit und die Überwindung des Kalten Krieges hat einen Namen und ein Gesicht: Egon Bahr. Sein Credo lautete, Wandel durch Annäherung. Das ist heute aktueller denn je. Ein wahrlich großer Mann ist gestorben. Wir werden ihm ehrend gedenken.“

Auch in Treffurt überlegt man bereits, eine Gedenktafel am Geburtshaus des Politikers anzubringen – die Straße trägt bereits Egon Bahrs Namen. In der Touristeninformation der Stadt im Bürgerhaus liegt ab sofort ein Kondolenzbuch aus. Bei seinem letzten Besuch in Treffurt 2013 stellte er sein Buch mit Erinnerungen an Willy Brandt vor und leistete ein bisschen Wahlkampfhilfe für einen Eisenachen Parteigenossen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, Bahr habe sich als Politiker, Journalist und Wissenschaftler über Parteigrenzen hinweg gleichermaßen große Anerkennung und Wertschätzung erworben. „Den Menschen bleibt er als ein seine Zeit prägender Politiker in Erinnerung, der sich der Sache und der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet fühlte“, sagte Merkel.

Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow lobte Bahr als Außenpolitiker mit Vision. „Er schuf die Grundlagen für jene Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses, in dem später das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung möglich wurden“, hieß es. Bahr hatte sich noch kürzlich in Moskau gemeinsam mit Gorbatschow für ein Ende der Entfremdung zwischen Deutschland und Russland ausgesprochen.

1963 stellte Bahr sein Konzept „Wandel durch Annäherung“ vor, das ein Grundstein für die Annäherung an die DDR wird. Als Sonderbotschafter des Kanzlers Brandt verhandelte Bahr dann mit Moskau und Warschau über die Verträge zu einem Gewaltverzicht und einer Normalisierung der Beziehungen.

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