Berlin. Viel Pornokonsum bedeutet oft: Sexflaute in der Beziehung. Wie Sie Abhängigkeit erkennen und den Ausstieg schaffen, erklärt Gaby Guzek.

Wie bei jeder Sucht stehen auch bei der Sexsucht am Anfang zwei wichtige Dinge: Sich die eingestehen und Hilfe suchen. Und wie bei vielen Süchten sind dies die schwersten Schritte überhaupt.

Im Folgenden klären wir als erstes, wie sich prüfen lässt, ob der eigene Konsum von Pornografie noch im Rahmen oder bereits ein Alarmsignal ist – dabei hilft ein kurzer Selbsttest eines Sexsucht-Experten. Im Anschluss geht es an die Behandlung von Sex- und Pornosucht: Wie gelingt der Ausstieg, wie helfen Software und Therapien – und wobei können Medikamente unterstützen?

Selbsttest zu Sexsucht: Wie riskant ist mein Pornokonsum?

Ob der eigene Pornokonsum noch in die Abteilung Alltagsspaß gehört oder schon Sucht ist, klärt der „Pathos“-Test, den der Sexsucht-Experte Dr. Patrick Carnes entwickelt hat. „Pathos“ setzt sich zusammen aus den Buchstaben, mit denen die Sätze im Englischen anfangen. Beantworten Sie folgende sechs Fragen ehrlich für sich:

  • Völlig beherrscht (Preoccupied): Stellen Sie häufiger fest, dass sexuelle Gedanken Sie dominieren?
  • Scham (Ashamed): Verbergen Sie Ihr Sexualverhalten vor anderen?
  • Behandlung (Treatment): Haben Sie schon einmal eine Therapie wegen Ihres Sexualverhaltens gemacht?
  • Andere verletzen (Hurt others): Hat Ihr Sexualverhalten schon einmal jemanden emotional verletzt?
  • Außer Kontrolle (Out of control): Fühlen Sie sich durch Ihr sexuelles Verlangen kontrolliert?
  • Traurig (Sad): Fühlen Sie sich nach dem Sex deprimiert?

So hart es klingt: Nur eine Antwort mit „Ja“ zu beantworten, deutet schon sehr stark auf ein sexsüchtiges Verhalten hin. Bei zwei oder mehr ist die Sache eindeutig. Wer jetzt festgestellt hat: „Ja, ich habe ein Problem“ steht erstmal vor einem Berg.

Dasselbe gilt übrigens auch für Angehörige und deshalb sind die folgenden Tipps auch für sie hilfreich. Das Thema Sexsucht treibt Betroffene und Angehörige ins Scham-Schneckenhaus, viele fühlen sich so unendlich hilflos.

Alle Artikel der Serie „Raus aus der Sucht“

Pornosucht loswerden: Die ersten Schritte

Deshalb gehen wir hier an dieser Stelle auf die ersten Schritte ein. Natürlich ähnelt vieles auch den Tipps bei anderen Süchten.

1. Anonym Hilfe suchen

Ohne Hilfe geht es nicht. Allein aus Sex- und Pornosucht herauszukommen, ist fast unmöglich. Nur ist der erste Schritt so verdammt schwer. Wer so weit ist zu sagen: „Ich kann darüber sprechen“, hat schon fast gewonnen. Für alle anderen liegt vielleicht ein Ansatz im Netz. Ein guter Einstieg: Anonyme Onlineforen. Wer ein wenig Englisch spricht, schaut sich auch international um. Die Community „Sex Addiction“ (Sex-Abhängigkeit) auf der Plattform Reddit allein hat über 17.000 Mitglieder. Zunächst einmal mitlesen, reicht. Wichtig ist, das Gefühl zu bekommen, nicht allein zu sein – und zu sehen, dass es vielen anderen auch so geht.

Autorin Gaby Guzek ist Wissenschaftsjournalistin und Coach. In unserer Serie „Raus aus der Sucht“ beleuchtet sie verschiedene Süchte und Wege aus der Abhängigkeit.
Autorin Gaby Guzek ist Wissenschaftsjournalistin und Coach. In unserer Serie „Raus aus der Sucht“ beleuchtet sie verschiedene Süchte und Wege aus der Abhängigkeit. © Carmen Wilhelmer | Carmen Wilhelmer

2. Wissen ist Macht

Es gibt viele Videos auf YouTube oder anderen Videoportalen, in denen Betroffene berichten oder Experten Tipps für den Ausstieg geben. Genauso gut sind Podcasts oder Bücher – saugen Sie alles auf!

3. Therapien

Ein kompetenter Therapeut ist Gold wert. Er ist ein Muss, wenn unter der Sexsucht Traumata liegen (sexueller Missbrauch in der Kindheit ist bei Sexsüchtigen häufig) oder Grunderkrankungen wie Depressionen oder eine Angst- und Panikstörung. Das gehört in kompetente Hände – und so lange das nicht behandelt wird, ist der Rückfall auch in die Sexsucht vorprogrammiert.

Kernelemente einer Therapie gegen Sex- und Pornosucht:

  • Keine Masturbation
  • Den Sex auf einen einzigen, physischen Partner beschränken. Es kann sein, dass wegen der suchtgetriebenen Überstimulation echter Sex einige Zeit nicht möglich ist. Das kann sogar bis zu einem halben Jahr andauern. Der Partner muss Bescheid wissen.
  • Möglichst gute Schlafhygiene und ausreichend Schlaf. Nicht selten ist gerade bei Pornosüchtigen der Schlaf durch nächtlichen Dauerkonsum völlig gestört. Guter Schlaf ist für die Gesundung aber absolut zentral.
  • Leichte bis mittlere körperliche Bewegung täglich. Die Betonung liegt auf leicht bis mittel. Denn intensiver Sport befeuert das Testosteronsystem, und das geht nach hinten los. Auch sind Fitness-Studios oft für Sexsüchtige ohnehin kein guter Ort. Ein Blick auf Mittrainierende kann das Gedankenkarussell schon wieder ins Rotieren bringen.

4. Kontroll-Software für Handy und PC

Ob mit oder ohne Therapie: Der größte Stolperstein bei Sexsucht sind zwei Trigger: Handy oder Computer sind Alltagsdinge – und für Sexsüchtige auch Einfallstor. Deshalb braucht es schon ein starkes Rüstzeug, um nicht doch wieder auf einschlägige Seiten zu gehen.

Tipp: Es gibt Kontroll-Software. In der einfachsten Version lassen sich bestimmte Webseiten schlicht blockieren, allerdings ist das bei der Vielzahl der einschlägigen Seiten leicht zu umgehen. Entwickelt wurde sie eigentlich als „Elternkontrolle“ und so ist sie auch im Netz zu finden. Die ausgefeiltere Variante erkennt Schlüsselbegriffe. Treibt sich der Süchtige also auf entsprechenden Seiten herum oder sucht danach nur im Web, springt die Software an und meldet das per Nachricht an eine vorher festgelegte Vertrauensperson. Leider gibt es solche Software derzeit nur auf Englisch.

Bei Männern mit Pornosucht kann die Libido in der Beziehung nachlassen.
Bei Männern mit Pornosucht kann die Libido in der Beziehung nachlassen. © Getty Images | fizkes

5. Medikamente

Ärzte setzen bei Sexsucht manchmal auch Antidepressiva ein – egal, ob der Betroffene tatsächlich depressiv ist oder nicht. Sie nutzen eine eigentlich gefürchtete Nebenwirkung der Medikamente: den Verlust des Sextriebes. Nach einer Zeit, wenn sich das überhitzte Dopaminsystem abgekühlt hat, wird dann auch das Medikament wieder abgesetzt.

Auch Behandlungsversuche mit dem Medikament Naltrexon sind manchmal erfolgreich. Der Wirkstoff kommt eigentlich vor allem bei der Alkoholikerbehandlung zum Einsatz. Es blockt sozusagen die Belohnungs-Dusche durch das Suchtmittel und macht den Konsum deshalb unattraktiv. Der „Kick“ bleibt einfach aus. Da Sexsucht ein reines Dopaminthema ist, scheint das auch bei Sexsüchtigen zu funktionieren.

Ausstieg aus der Sexsucht: Geduld mitbringen

Medizinisch gesehen sind die ersten drei Monate die entscheidenden und kritischen, wenn es um den Ausstieg aus der Sucht geht. Das ist in etwa die Zeit, in der sich das völlig überhitzte Dopaminsystem wieder normalisieren soll und kann.

Die Tipps und Empfehlungen zum Thema basieren auf dem aktuellen Buch von Gaby Guzek: „Die Suchtlüge. Der Mythos von der fehlenden Willenskraft: Wie Sucht im Hirn entsteht und wie wir sie besiegen“ (bei Heyne erschienen).

Zur Person

  • Gaby Guzek (56) ist seit mehr als 30 Jahren Fachjournalistin für Wissenschaft und Medizin.
  • Sie arbeitete nach ihrem Studium unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der Fachzeitschrift „Die Neue Ärztliche“. Jahrelang selbst von schwerer Alkoholsucht betroffen und mit den Therapiemöglichkeiten unzufrieden, begann sie, sich intensiv mit dem Phänomen Sucht auseinanderzusetzen. 2020 veröffentlichte sie im Eigenverlag ihr Buch „Alkohol adé“* und steht heute als Coach unter gaby-guzek.com und in ihrem Forum alkohol-ade.com Alkoholsüchtigen zur Seite.

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Gaby Guzek: Die Suchtlüge
Der Mythos von der fehlenden Willenskraft: Wie Sucht im Hirn entsteht und wie wir sie besiegen. HEYNE Verlag, Taschenbuch mit 224 Seiten, 13 Euro

Verfügbar bei Amazon*, Thalia* und bücher.de*

Serie „Raus aus der Sucht“ Lesen Sie exklusiv bei uns jede Woche eine neue Folge.

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