Die Reportage: Er suchte Orchideen - und traf einen Wolf nahe Ohrdruf

Herr Böttner, so dringt es aus dem Ministerium, war im Wald auf Orchideenpirsch, was wohl gar nicht so selten vorkommt. Die Orchidee jedoch, die dem versierten Flora-Fauna-Fotografen jetzt in einem Buchenmischwald plötzlich vor die Linse kam, hatte zwei tütenförmige Ohren, wie sie für die Königin der Blumen doch eher untypisch sind.

Flacher Kopf: eindeutig ein Wolf, in Thüringen gesichtet. Foto: S.Böttner

Flacher Kopf: eindeutig ein Wolf, in Thüringen gesichtet. Foto: S.Böttner

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Nach gründlicherer Auswertung der sensationellen Zufallsfotos ist nun jeder Restzweifel zerstoben: Es ist ein Wolf gekommen. Jubel brach los, verständlicherweise. "Nabu erbringt Wolfsnachweis in Thüringen", erklärte der Naturschutzbund Donnerstagfrüh in einer Meldung; denn es wollte der Zufall, dass Herr Böttner dort auch Mitglied ist.

Und das Umweltministerium des Jagdministers Jürgen Reinholz verkündete "Erneut Wolf in Thüringen gesichtet", wobei beiläufig unterstellt wurde, dass das im November 2013 bei Jena in eine Kamerafalle getappte Tier tatsächlich ein Wolf war - und kein Hund, was so eindeutig weder ist noch war. Glück für den nun gesicherten, amtlichen Wolf, dass ihm der Rüssel fehlt.

Ob das Tier von Jena und dieser "Orchideen-Wolf" identisch sind, kann niemand sagen. Aber dass nun ein Wolf ausgerechnet in der Nähe des belebten Truppenübungsplatzes Ohrdruf erschien, wundert Kenner nicht.

"Offenbar haben Wölfe eine Karte im Kopf, wo Truppenübungsplätze sind", sagt Heinz Baacke, Wolfsbeauftragter und Vizepräsident des sächsischen Landesjagdverbands. Das Rudeltier hat offensichtlich einen Hang zu Rang und Ordnung.

Ein Rudel Wölfe braucht zwei Rehe am Tag

Tatsächlich gibt es gute Gründe für den Lauf zum Übungsplatz: Da, wo die Soldaten schießen, gibt es große unzerschnittene Territorien, und die halboffene Landschaft mit viel Wald ist ideales Jagdrevier. Es gibt gar viele Tiere dort - von Reh und Iltis bis zum Marder.

Der Tisch in Thüringen für Wölfe ist üppig gedeckt. Experten wie Silvester Tamás, Nabu-Sprecher der Landesarbeitsgruppe Wölfe sind deshalb überzeugt, dass sich in den nächsten zehn Jahren in Thüringen zumindest ein Wolfspaar fest etablieren wird. Es gibt sie in Sachsen, es gibt sie Brandenburg, auch im Süden, bis in die Alpen.

"Thüringen ist anscheinend von Wölfen umzingelt", scherzte Umweltministeriumssprecher Andreas Maruschke. "Der Populationsdruck ist groß", bilanziert Nabu-Mann Tamás. "Ein Rudel, das aus sechs bis acht Tieren besteht, braucht zur Ernährung ein Territorium von bis zu 350 Quadratkilometern." Die Leidenschaft hält so den Wolf auf Trab.

Es drängt den Wolfs ganz offensichtlich sehr. "Die Vermehrungsrate liegt bei 30 Prozent pro Jahr", weiß Jäger Baacke. 27 Rudel gibt es aktuell in Deutschland. In zehn Jahren, erklärt der Sachse, "gibt es in Polen, Westpolen und Deutschland 1000 Rudel". Macht, rechnerisch betrachtet, bei etwa 30 Kilogramm Fleisch, die ein Rudel täglich verschlingt, pro 24 Stunden 2000 Rehe, "die nicht mehr "in der Lage sind, zum Schaden des deutschen sowie des Thüringer Waldes an saftigen Knospen zu knabbern.

"Der Wolf kann so etwas werden wie die Waldpolizei", vermutet Silvester Tamás. Letztlich wird die Ausbreitung des Wolfes für uns sogar Nutzen haben und dazu beitragen, ein Ungleichgewicht in der Natur, das der Mensch verursacht hat, wieder zu korrigieren."

Tatsächlich, sagt Tamás, wurde folgendes Phänomen bereits beobachtet: "Bei einem Anstieg der Wolfspopulation in einer Region ging nach einer Weile die Zahl der Nutztierrisse zurück." Die Logik leuchtet ein: Durch Deutschlands Dörfer und Wälder streunen vermutlich Tausende verwilderte Hunde, die sich nicht nur über das Wild hermachen, sondern manchmal auch über Schafe, Lämmer, Kälber. Das kam auch schon in Thüringen vor. Jäger schießen solche Hunde nicht. Zu groß ist die Gefahr, ungewollt den treuen Gefährten eines dann zu Recht zornigen Herrchens zu erlegen. Und flugs ist der Jagdschein perdu. "Der Wolf könnte hier aufräumen", sagt Wolf-Experte Tamás.

Jedenfalls dann, wenn Landwirte, Schäfer und andere Nutztierhalter gewisse Regeln befolgen. "Wölfe darf man nicht anlocken", warnt Jägervizepräsident Heinz Baacke. "Manche Leute pflocken ihr Schaf immer noch mit einem Seil an. Das ist Tierquälerei und geht gar nicht. Außerdem ist es für den Wolf eine Einladung zum Essen." Einleuchtend: Das Schaf ist weg, zurück bleibt, sozusagen, nur die Nahrungskette.

Beim Nabu Thüringen ist man überzeugt: "Wenn die Weidetierhalter sich auf den Wolf einstellen, "geht die Zahl der Risse sicherlich zurück." Also: Hohe Elektrozäune mit Untergrabungsschutz und Flatterbändern und Herdenschutzhunde müssen her.

Es kann sogar noch kreativer kommen: Tibetanische Grunzochsen, auch Yaks genannt, könnten auf heimischen Koppeln und Wiesen weiden, und wehrhafte alte Widderrassen die Herdenschafe schützen. "Das beeindruckt auch den Wolf", denkt Silvester Tamás.

"Der Wolf versucht, mit wenig Risiko und geringem Energieaufwand seinen Nahrungsbedarf zu decken", erinnert Heinz Baacke. Vorfälle wie in Sachsen, wo eine Wildsau einen Wolf zerlegte, belegen die Gefahr.

Thüringens Jäger sind dem Wolfe wohlgesinnt

Auch Thüringens Jäger sind dem Neuen wohlgesinnt. "Wir sind froh, dass erstmals ein gesicherter Nachweis für einen Wolf in Thüringen vorliegt", erklärt Frank Herrmann, Geschäftsführer des Landesjagdverbands. Er versichert: "Die Jäger werden sich am Wolfsmonitoring beteiligen. Aber letztlich wird uns die Gesellschaft sagen, wie wir mit dem Wolf umzugehen haben."

Noch mag die Gesellschaft den Wolf. Und nirgendwo freut man sich so sehr auf seine Rückkehr wie in Thüringen. 88 Prozent aller Thüringer sehen das so, das ist der höchste Wert in Deutschland, wie vor wenigen Wochen eine repräsentative Umfrage der Umweltorganisation WWF ergab.

Allerdings: Da, wo der Wolf verbreitet ist, schwindet bisweilen die Begeisterung. Es gibt Orte in Sachsen, Deutschlands wolfreichstem Land, da ist man auf den Wolf nicht wirklich gut zu sprechen, wenn er nächtens und gelegentlich im Hellen durch die Dörfer streicht. Da verschwindet auch schon mal ein Huhn und manchmal auch ein Hund. Sogar der eine oder andere Spaziergänger, der seinen Hund, auch wenn das strikt verboten ist, zum Leid des Niederwildes durchs Gehölz toben lassen wollte, kam bedrückt allein zurück nach Hause.

"Wölfe leben in hochspezialisierten Familienbanden. Indem sie ihr Territorium sichern, verteidigen sie auch die Nahrung darin. Letztlich geht es um Reproduktion. In ihrem Revier dulden Wölfe deshalb keine potenziellen Nahrungskonkurrenten", erläutert Heinz Baacke. Das gilt es zu beachten. Das kann Hunde treffen, genauso wie Wölfe, die nicht Teil des Rudels sind.

Und trifft - etwa bei der Orchideensuche - ein Thüringer zufällig auf einen Wolf? "Dann sollte man auf keinen Fall in Panik verfallen, sondern den Moment genießen und das Tier in respektvollem Abstand beobachten", rät Silvester Tamás vom Nabu. Zur Not "kann man auch laut rufen, in die Hände klatschen und langsam Distanz zum Wolf aufbauen". Wenn das Objekt darauf partout nicht reagiert, ist es,vermutlich eher eine Orchidee.

Fragen des Tages

Ist der Wolf gefährlich für den Menschen?

Wölfe sind in der Regel scheue Tiere und gehen dem Menschen aus dem Weg. Bei einem derzeit angenommenen Wolfsbestand von etwa 20.000 Tieren in Europa sind lediglich vier Todesfälle innerhalb der letzten 50 Jahre nachgewiesen.

Wie können Nutztiere vor dem Wolf geschützt werden?

Erfahrungen aus Sachsen zeigen, dass hauptsächlich Schafe, und in sehr geringem Umfang auch Ziegen und Gatterwild, von Wölfen gerissen wurden. Der Einsatz beispielsweise von Euronetzzäunen und Flatterband sowie der Einsatz von speziellen Herdenschutzhunden sowie eine komplette Einnetzung der jeweiligen Weidefläche haben sich als geeignete Schutzmaßnahmen erwiesen.

Wie bereitet sich Thüringen auf die Wiederkehr des Wolfes vor?

In Thüringen ist eine Arbeitsgruppe Wolf unter Leitung des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz eingerichtet worden. Für die Prävention und den Ausgleich von Schäden durch den Wolf sind Entschädigungsprogramme in Vorbereitung und Finanzmittel eingestellt.

Lässt sich eindeutig sagen, ob Schäden tatsächlich vom Wolf stammen?

Für die Beurteilung, ob Nutztiere tatsächlich von Wölfen gerissen worden sind, hat Thüringen drei Experten als Rissgutachter benannt. Diese Fachleute sind erste Ansprechpartner bei Verdachtsfällen auf Wolfsrisse. Jürgen Boddenberg Tel.: 03621 / 225231 Uwe Müller Tel. : 03641 / 684461 Jürgen Hoffmann Tel.: 036254 / 70849

An wen können sich Bürger wenden, die meinen, einen Wolf gesehen zu haben?

Beim Verdacht auf Wolfsbeobachtungen sollten sich die Bürgerinnen und Bürger an die zuständige Gemeindeverwaltung oder die Forst-, Landrats- oder Landwirtschaftsämter wenden. Die Gemeinden setzen sich dann mit den zuständigen Fachdienststellen in Verbindung.

Kommentiert von Thomas Bärsch

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