Experten überzeugt: Erstmals Wolf in Thüringen totgefahren

Großrudestedt  Großrudestedt. Nach einer ersten Untersuchung ist klar, dass am Wochenende ein Wolf auf der A71 überfahren wurde. Das tote Tier kann nicht die Wölfin von Ohrdruf sein.

Wölfe kann man in Thüringen unter anderem im Tierpark in Gotha (Foto) sehen und im Bärenpark in Worbis. Foto: Peter Riecke

Wölfe kann man in Thüringen unter anderem im Tierpark in Gotha (Foto) sehen und im Bärenpark in Worbis. Foto: Peter Riecke

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Der VW Passat, der von Süden kam, näherte sich der Ausfahrt Sömmerda-Süd. Es war schon dunkel. Kurz vor dem Abzweig, am Autobahnkilometer 42,7 der A 71 von Erfurt nach Sangerhausen, stand ein großes Tier am rechten Rand der Fahrbahn. Eine junge Wölfin, wie es später hieß. Der 38-jährige Thüringer am Steuer des Wagens konnte den Zusammenprall nicht mehr verhindern.

„Das Tier lag auf der weißen Linie zwischen der rechten Fahrbahn und dem Seitenstreifen. Es war tot, als wir kamen. Der Wagen hatte es seitlich getroffen“, sagte Christoph Rosa gestern unserer Zeitung. Als der Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Großrudestedt mit sechs Kameraden am Freitag gegen 23.16 Uhr an der Unfallstelle eintraf, war die Polizei bereits seit zwei Stunden da. „Wir haben die rechte Fahrspur abgesichert und ausgeleuchtet und das Tier geborgen“, berichtet Rosa.

Tierarzt Dr. Bodo Kröll war bereits informiert, als die Feuerwehrmänner kurz vor Mitternacht mit einer großen Transportbox in seiner Praxis in Erfurt-Gispersleben erschienen. „Die diensthabende Amtstierärztin aus Sömmerda hat mich angerufen und gesagt, dass auf der Autobahn bei Schlossvippach ein Wolf überfahren worden sei. Ich hatte Nachtdienst.“

Der Verdacht erhärtete sich, als Kröll den Kadaver in Augenschein nahm. „Das Tier hat erstaunlich große Zähne gehabt. So große habe ich noch nie gesehen. Und wir behandeln tschechische Wolfshunde“, betonte der Tierarzt. „Anhand der Zahngröße, der Fußgröße und der Färbung ist davon auszugehen, dass es sich um einen Wolf handelt.“ Zudem ist in dem Tierkörper kein Chip, wie er bei Hunden üblich ist, gefunden worden.

Zu der Wolfs-Einschätzung ist nach Informationen unserer Zeitung auch der erfahrene Rissgutachter der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie gelangt. Der Wolfsexperte Uwe Müller hat das tote Tier am Wochenende in Augenschein genommen. Die Haare und Muskelproben, die er an dem eingefrorenen Tier sicherstellte, sollen genetisch untersucht werden. Das Laborergebnis soll letzte Restzweifel ausräumen.

Schon jetzt kann ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem auf der A 71 überfahrenen Tier um die Wölfin von Ohrdruf handelt. Das Tier, das seit Mai 2014 in Thüringen rund um das Bundeswehrgelände heimisch ist, ist etwa vier Jahre alt.

Vermehrt Hinweise auf Wölfe in Thüringen

„Bei dem überfahrenen Tier handelt es sich um ein junges weibliches Exemplar im Alter von einem Jahr bis anderthalb Jahren“, erklärt Tierarzt Kröll. „Es war ein junges Tier, das den Zahnwechsel gerade hinter sich hatte.“

Junge Wölfe sind vom Straßenverkehr besonders bedroht. „Meistens sind unerfahrene Jungwölfe im Alter bis zu drei Jahren betroffen, die noch nicht gelernt haben, welche Gefahren auf die lauern“, erläutert Silvester Tamas, der Wolfsexperte des Naturschutzbundes Nabu in Thüringen. „Die Alttiere kennen die Gefahren sehr wohl.“

Erst vor fünf Wochen sind in Brandenburg zwei junge Wölfe auf dem südlichen Berliner Ring überfahren worden. Man geht davon aus, dass zwei weibliche Wolfswelpen versucht hatten, gemeinsam mit ihrem Rudel die Autobahn 10 zu überqueren.

Im Dezember 2015 wurde im nördlichen Landesteil Brandenburgs der Kadaver eines dreijährigen Wolfrüden auf dem Seitenstreifen der A 24 entdeckt.

Seit dem Jahr 2000 gibt es in Deutschland wieder Wölfe in freier Natur. Dem Straßenverkehr fielen in diesem Jahren etwa 90 Tiere zum Opfer, davon mehr als 40 allein in Brandenburg. Derzeit leben dort 110 Tiere. In Thüringen gibt es nach offizieller Zählung weiterhin nur einen Wolf: die Wölfin von Ohrdruf. Allerdings wurde auch sie seit Monaten nicht mehr gesichtet. Der letzte Nachweis durch eine Fotofalle datiert aus dem Dezember vorigen Jahres.

Allerdings gebe es seit einigen Wochen wieder vermehrt Hinweise auf Wolfssichtungen in Thüringen, sagt Silvester Tamas vom Nabu. Doch leider seien die Hinweise oft wenig konkret. Tamas empfiehlt: „Jede Sichtung sollte möglichst genau dokumentiert werden.“

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