Zweiter Wolf in Thüringen gesichtet - Nabu sieht Handlungsbedarf

Diesen Anruf am Montagnachmittag wird Silvester Tamás in Jena so schnell nicht vergessen: Sein Nabu-Mitstreiter Stefan Böttner teilte ihm aufgeregt mit, dass er einen Tag zuvor nahe dem Truppenübungsplatz Ohrdruf einen jungen Wolf vor die Linse bekommen hatte.

Alle Zweifel ausgeräumt: Es ist tatsächlich ein junger Wolf, den ein Nabu-Mitglied am Sonntag vor einer Woche im Ilm-Kreis vor die Kamera bekam. Das haben zahlreiche Wolfsexperten bestätigt. Für den Nabu ist damit klar: Wir müssen sofort handeln. Foto: dpa

Alle Zweifel ausgeräumt: Es ist tatsächlich ein junger Wolf, den ein Nabu-Mitglied am Sonntag vor einer Woche im Ilm-Kreis vor die Kamera bekam. Das haben zahlreiche Wolfsexperten bestätigt. Für den Nabu ist damit klar: Wir müssen sofort handeln. Foto: dpa

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Jena. Ein Zufallstreffer. Denn der Naturfotograf war auf Entspannung im Grünen aus - und allenfalls darauf, ein paar Orchideen abzulichten.

Dass es ein Wolf ist, der da etwa 25 Meter vor ihm durch den Wald huschte, kein verwilderter Hund, war Böttner augenblicklich klar. Und auch Silvester Tamás, kaum dass er die Aufnahmen zu Gesicht bekommen hatte. Tamás wusste zudem: Diese Information darf man nicht zurückhalten. Sie muss so schnell wie möglich an die Öffentlichkeit, damit die Leute Bescheid wissen. Schließlich ist die Akzeptanz des vor 130 Jahren in Thüringen ausgerotteten und nun offenbar zurückgekehrten Raubtiers eines der wichtigsten Ziele der Nabu-Arbeitsgruppe Wolf.

Doch erst musste sicher sein, dass die Fotos einen Wolf zeigen. Tamás leitete sie daher sofort ans Phyletische Museum in Jena, an die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG), an Fachleute im Thüringer Landwirtschaftsministerium und auch an das Wildbiologische Büro Lupus in Spreewitz in der Lausitz weiter, also an Experten, die zugunsten der Verifizierung der Annahme alles andere zurückstellten - und schließlich einhellig bestätigten: Ja, es ist ein Wolf. Ein Jungtier. Und die Aufnahmen bei Tageslicht - zumal in dieser Qualität - eine Sensation nicht nur in Deutschland.

Doch damit war es nicht getan: Um auch sicher zu stellen, dass die Aufnahme tatsächlich mitten in Thüringen entstanden ist, trafen sich Tamás, Böttner und TLUG-Mitarbeiter am Dienstag an genau der Stelle, an der Böttner zwei Tage zuvor auf den Auslöser gedrückt hatte. Sie verglichen die Vegetation auf den Aufnahmen mit der in der Realität. "Ein solches Vorgehen ist absolut notwendig, wir müssen uns auch gegenseitig sehr genau auf die Finger schauen", sagte Tamás. Und der Vergleich müsse zügig erfolgen, weil sich Vegetation rasch ändert. Der Vor-Ort-Termin habe schließlich an Böttners Aussagen keinen Zweifel gelassen. Man habe auch nach Spuren des Wolfes gesucht, doch keine gefunden. "Es hatte in der Zwischenzeit zu stark geregnet."

Die Tatsache, dass es nun zum zweiten Mal in Thüringen einen Wolfsnachweis gibt, hat Silvester Tamás und seine Mitstreiter beim Nabu darin bestätigt, dass es richtig war, im Februar an der Lobdeburg in Jena im Nabu eine Arbeitsgruppe Wolf zu gründen. Mithin in der Nähe jenes Ortes, an dem am 1. November 2013 mit einer Wildtierkamera der erste Wolf in Thüringen dokumentiert worden war. "Gewiss, es gibt die Arbeitsgruppe Wolf Thüringen, die im März 2009 gegründet wurde und der neben den Behörden alle Interessengruppen von Jägern bis zu Nutztierhaltern angehören. Aber anders als sie wollten wir nicht der Dinge harren, die da kommen", betont Silvester Tamás. "Die Arbeitsgruppe hat zwar einen Managementplan erarbeitet, aber danach ist ihre Arbeit ein wenig eingeschlafen."

Das Auftauchen des Wolfes im Ilm-Kreis zeige nun, dass man nicht abwarten könne, sondern Handlungsbedarf bestehe. Der zwölfköpfigen Arbeitsgruppe im Nabu ist es vor allem um drei Dinge bestellt: Erstens um Öffentlichkeitsarbeit. Laut der Umweltorganisation WWF freuen sich zwar 88 Prozent der Thüringer über die Rückkehr des Wolfes und werten sie als Indiz für ein intaktes Ökosystem. Doch es gibt freilich auch Ressentiments gegenüber dem Raubtier. Beispielsweise unter Jägern, aber auch bei Herdentierhaltern, die um ihre Tiere fürchten, obwohl Erfahrungen etwa in Sachsen zeigen, dass es in den seltensten Fällen Wölfe sind, die Tiere reißen. Die Bevölkerung, so Tamás, müsse wissen, dass es durchaus ein Wolf sein kann, der ihren Weg kreuzt.

Doch wer Akzeptanz will, muss aus Sicht des Nabu auch den rechtlichen Rahmen liefern - nämlich zum einen eine eindeutige Entschädigungsrichtlinie, zum anderen eine Richtlinie für die Prävention. Die Menschen müssten wissen, wo sie eine Entschädigung beantragen können und welche Summe das Land dafür bereitstellt, wenn der Wolf tatsächlich Tiere gerissen hat - genauso wie sie wissen müssten, wo und in welchem Umfang sie finanzielle Hilfen für Maßnahmen wie Zäune, Untergrabungsschutz, Herdenschutzhunde bekommen. "Bislang ist all das nicht klar geregelt, es gibt keine genauen Zahlen", sagt Silvester Tamás. Deshalb wolle der Nabu jetzt vorangehen - mit einem vierseitigen Plan habe sich dessen Landesarbeitsgruppe Wolf ein ehrgeiziges Programm vorgenommen.

Dazu gehört auch die Forderung nach einem Monitoring. Jäger und Forstleute, so Tamás‘ Erfahrung, würden zum Beispiel durchaus ab und zu einen Wolf beobachten. Bloß: Sie melden es nicht. Deshalb müsse man die Jäger und den Forst ins Boot holen und sie zur Meldung anhalten, sobald sie den Wolf oder aber dessen Losungen wie Kotspuren oder Haarbüschel entdeckt haben. "Diese Daten dürfen wir dann aber nicht verstecken, wir müssen sie vielmehr kommunizieren. Auch eine Kartierung ist notwendig. Wir müssen wegkommen von der Zufallsbeobachtung."

Dass der Wolf in Thüringen seine Daseinsberechtigung hat, er positiven Einfluss sowohl auf die Regulierung der Wildpopulation und damit auch auf den Umbau des Waldes nehmen kann, davon ist Silvester Tamás überzeugt. Der Nabu-Experte verweist darauf, dass es in den Thüringer Wäldern eine viel zu hohe Wilddichte gibt - "das ist kein Geheimnis" -, vor allem bei Schwarzwild - und die Jäger dieses Problem nicht mehr in den Griff bekommen. Der Wolf könne dazu beitragen, das vom Menschen erzeugte Ungleichgewicht in der Natur zu korrigieren. Und damit die Zahl der Tiere zu mindern, die durch Verbiss dem Wald schaden. Nicht zuletzt dulde ein Wolf keine Konkurrenten in Gestalt verwilderter Hunde, die offenbar zu Tausenden durch die Wälder streifen und nicht nur dort, sondern auch auf Weiden in der Umgebung auf Nahrungssuche gehen.

Stefan Böttner, der die Existenz des Wolfes in Thüringen mit der Kamera dokumentiert hat, teilt diese Ansichten, will sich aber nicht selbst in der Presse äußern. Er will der Mann hinter den Fotos bleiben.

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